Dichtung.
279
geneigt sein könnte, bieten doch wesentlich nur eine subjektive
Darlegung und Rechtfertigung der Praris des Dichters. Gleich⸗
wohl müssen wenigstens einige Ausführungen gewagt werden.
Sie gehen vom Roman aus.
Der Roman soll ein Weltbild geben, jedenfalls ein in sich
geschlossenes Ganzes, womöglich eine volle Überschau über den
Inhalt einer Zeit, je umfassender und je tiefer, um so besser. Ist
das nun überhaupt möglich? In wohl aufgebauter und fest
zentralisierter Erzählung offenbar nur für Zeiten sehr ein⸗
fachen) seelischen Zusammenhangs, also am besten etwa für
Romane, die in Mittelaltern oder in Urzeiten spielen. Gewiß
aber nicht in dieser Art für den Zeitroman, den Roman der
Gegenwart, die vornehmste und in der letzten Zeit vornehmlich
gepflegte Form. Dazu ist unsere Zeit psychisch und sozial viel
zu sehr differenziert und auch gerade den Zeitgenossen viel zu
wenig übersichtlich. Es bleibt also nur die Möglichkeit eines
lockeren Baues übrig: das, was Gutzkow den Roman des
Nebeneinanders genannt hat: große Erzählungsgruppen werden
aneinander gereiht und unter sich lose verbunden. Diese
Art des Baues kannte man nun schon im 17. Jahrhundert;
der „Don Quixote“ bietet dafür ein Beispiel. In unseren
Tagen hat dann der Umfang des zeitgenössischen Lebens dazu
geführt, die einzelnen Gruppen geradezu in besonderen
Romanen, die aber einen Cyklus bilden, aneinander zu
reihen; das war schon der Fall in Balzacs „Oomédie de
la vie humaine“, da freilich noch sehr unvollkommen; voll⸗
endet hat die Form zuerst Zola in seinen Rougon-Macquart“
gehandhabt.
Welches ist aber nun der Bau des Einzelromans oder des
einzelnen Teils eines cyklischen Romans? — Er setzt sich
im ganzen zusammen aus Reflerionen des Autors und Skizzen
der vorgestellten, sei es physischen, sei es psychischen Er—
scheinungswelt. Und da ist es nun für die uns hier be—
schäftigende Periode wesentlich, daß die Reflexion, das subjektive
Element als ausgesprochene Komponente fehlt oder doch im
ganzen nur noch verborgen unter der Form der Skizze vor—