Dichtung.
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welche diese an sich aus Motiven ihrer Eigenbewegung heraus,
erlitten.
Schon die Skizze der dreißiger bis siebziger Jahre, das
Grundelement des Romans dieser Zeit wie der damals fast
noch mehr blühenden Novelle, war stark durch den Journalismus
bestimmt worden. Und Journalismus hieß doch auch damals
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in dieser oder jener Form — nicht immer in der heute berufs—
mäßig und technisch ausgesprochenen — sind doch schon die
meisten Romanschreiber des jungen Deutschlands zu irgend
einer Zeit ihres Lebens gewesen. Aber ihre Rapporte, ihre
Skizzen waren noch breit angelegt, ließen die Persönlichkeit
des Reporters durchschauen, waren reflexionsreich und verliefen
dementsprechend in langgezogener Darstellung.
Mit dem Untergang des Romans des jungen Deutschlands,
seit den fünfziger Jahren, wurde das anders. Jetzt kam uns,
schließlich erst nach französischem Vorbild ganz durchgebildet
und in den sechziger und siebziger Jahren blühend, die Skizze
der Paul Lindau und Genossen, der Rapport des Feuilleton⸗
stils, die preziöse, geistreichelnde, witzelnde Darstellung ab—
gerundeter kleiner Wirklichkeitsstoffe. Das ist die Art, gegen
die dann die Brüder Hart in ihren „Kritischen Waffengängen“
so unsanft loszogen: mit dem Beginn der neuen litterarischen
Bewegung der achtziger Jahre war ihre Zeit dahin. Und nun
entfaltete sich langsam die Reportage der Gegenwart. Zwar
war man noch nicht alsbald so weit, die Biographie durch ein
Interview, die dramaturgische Kritik durch einen bloßen Bühnen—
bericht — was haben Dichter, Schauspieler, gewohnheitsmäßige
Premiorenbesucher gesagt? — zu ersetzen. Aber man ging
doch früh in dieser Richtung vorwärts. Kürze, Konzentration,
Verdichtung, Zeitersparnis im Schreiben und Lesen, das wurde
die Losung. Also: Momentaufnahme, Telegraphenstil, kein
Witz mehr, nur noch Beobachtung, kein Geist, aber scharfe
Augen, findige Witterung, strammes Zugreifen und vor allem
flinke Beine: das war, was man wollte. Galt das zunächst für