Full text: Die russische Weltanschauung

gesagt, diese chaotische Menge in ein wirkliches Ganzes zu verwandeln 
nur durch staatlichen Zwang, durch äußere Zusammenfassung, sozu- 
sagen durch künstliches Zusammenkleben der innerlich widerspenstigen 
Elemente möglich ist. Dadurch aber wird, wie es aus diesem Bilde 
eigentlich von vornherein klar ist und wie die Erfahrung es in so 
entsetzlich-tragischer Weise bestätigt hat, die lebendige Aktivität des 
Menschen und als eine Konsequenz davon, auch das Leben des Ganzen 
eigentlich lahmgelegt, und das Ganze zu tötlicher Starre verurteilt. 
Es ist, wie gesagt, der diametrale Gegensatz zu dem Begriffe „sobor- 
nost”, — zu der inneren Harmonie lebendiger persönlicher Innerlich- 
keit und überindividueller Einheit. Die Verfassung, zu der eigentlich 
diese Weltanschauung in ihrer ganzen Tiefe strebt, ist eben eine orga- 
nisch-korporativ-hierarchische, die aber zugleich durch ein starkes 
Freiheitsgefühl und demokratische Aktivität der Selbstverwaltung 
durchdrungen ist. Ob überhaupt, und wenn ja, so wann und in 
welcher Form es dem russischen Geiste gelingen wird, eine solche ihm 
adäquate sozialpolitische Verfassung zu erreichen, ist natürlich eine 
ganz andere Frage, deren Lösung im Gebiete der konkret-geschicht- 
lichen Politik liegt und die uns hier weiter nicht zu beschäftigen hat. 
Aus diesem, wenn man so sagen darf, „Konziliarismus“ oder „Ge- 
meinschaftsprinzip‘“ der russischen Geistesveranlagung (was die Sla- 
wophilen auch das „Chorprinzip“ des russischen Lebens nannten) ist 
es auch erklärbar, daß die Politik, der politische Kampf eine so außer- 
ordentlich große Rolle im russischen geistigen Leben spielt. Es ist 
bekannt, daß eine Reihe russischer Generationen im Laufe eines 
Jahrhunderts (von dem Dekabristen-Aufstande im Jahre 1825 bis zu 
unseren Tagen) sich mit einer Leidenschaftlichkeit der Politik hinge- 
geben hat, die dem westlichen Gemüte fast unverständlich ist und 
dabei zugleich eine politische Unfähigkeit, eine utopistische und 
chaotisch-anarchistische Stimmung an den Tag gelegt hat, die dem 
Westeuropäer vielleicht Verachtung einflößt. Es ist — wie paradox 
es auch klingen möchte — nur die Kehrseite, die krankhafte Ent- 
stellung derselben Geisteseigentümlichkeit, deren positiven Sinn wir 
soeben zu zeichnen versucht haben. Denn einerseits ist für den Russen 
das ganze Leben unvorstellbar anders als eben gemeinschaftliches 
Leben, gemeinsame Ordnung und gemeinsames Genießen eines alle 
Mitmenschen umfassenden Lebensganzen; wenn diese geistige Idee 
eine vollständige empirisch-praktische Verwirklichung zu suchen be- 
ginnt, so entsteht daraus die politische Leidenschaftlichkeit, hinter 
der, wie es mehrmals seit Dostojewski bemerkt wurde, bei den 
Russen eigentlich immer die religiöse Leidenschaftlichkeit versteckt 
liegt; und andererseits eben deswegen, weil dadurch die politischen 
Fragen zu letzten Fragen des persönlichen Heils, des Sinnes des 
individuellen Lebens der Persönlichkeit werden, entsteht die anar- 
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