Contents: Theoretische Sozialökonomie

© Kap. VIIL Der Arbeitslohn. 
lagen und Begabungen in moralischer, intellektueller und physischer 
Hinsicht zu berücksichtigen. Auch hier ist die ganze Skala von den 
außerordentlich Zuverlässigen, Energischen und Hinaufstrebenden, 
Intelligenten und Tüchtigen zu den äußersten Gegensätzen vertreten. 
Diese natürlichen Verschiedenheiten sind schon in einem und dem- 
selben Volk stark ausgeprägt, treten aber beim Vergleich zwischen 
verschiedenen Rassen noch schärfer hervor. 
Die Verschiedenheiten der natürlichen Anlagen werden wohl zum 
Teil ausgeglichen, vielleicht aber in weit größerem Grade noch ver- 
stärkt durch Erziehung und Ausbildung, vor allem aber durch die Ein- 
wirkung der verschiedenen sozialen Umgebung und der Bedingungen 
der Beschäftigung. Daß mangelnde Erziehung und Ausbildung, schlechte 
Ernährung und ähnliche Übelstände, ferner aber auch Leichtsinn und 
Ausschweifungen und solche als sozialer Zwang wirkende Gewohn- 
heiten wie das Spielen und besonders die Trinkgewohnheit die Menschen 
als Arbeiter herabsetzen und auch vollständig zerstören können, braucht 
kaum näher erörtert zu werden. Den im großen entscheidenden 
Einfluß auf das Schicksal des Arbeiters haben aber wahrscheinlich 
die Verhältnisse, unter welchen er seinen Lebensunterhalt gewinnt, in 
erster Linie die Regelmäßigkeit und die Fortdauer seiner Beschäf- 
tigung. Die schweren sozialen Schäden, welche auf diesem Gebiete 
vorhanden sind, dürften nicht selten alle anderen in den Schatten 
stellen. 
In dem sehr interessanten Minoritätsbericht der letzten britischen 
Armenkommission hat das Ehepaar Webb!) die Zusammensetzung 
und die Rekrutierung der großen Armee der Unterstützungsbedürftigen 
näher analysiert. Sie kommen zu dem Ergebnis, daß diese an sich 
natürlich schnell absterbende Armee immer wieder mit neuen Massen 
gespeist wird, daß die moderne industrielle Gesellschaft lediglich durch 
ihre Organisation des Arbeitsmarkts unaufhörlich neue Arme produziert. 
Die wichtigsten Quellen dieser Rekrutierung bilden erstens die unstetig 
beschäftigten, also diejenigen Arbeiter, z. B. der Bauindustrie, die 
zwischen jeder Beschäftigung eine kürzere oder längere Zeit nach der 
neuen suchen müssen, zweitens und vor allem die stets unterbeschäf- 
tigten, darunter speziell die „,Gelegenheitsarbeiter‘“ (casual labourers) der 
Häfen, der Werften, der Eisenwerke usw. Die demoralisierende Wir- 
kung solcher Systeme für die Beschäftigung von Arbeitern zeigt sich 
im großen unwiderstehlich. Durch sie werden die Arbeiter Schritt 
für Schritt herabgedrückt, bis sie für immer in die Masse der „unem- 
ployable‘“, also der Unverwendbaren, herabsinken. Eine weitere Quelle 
zur Speisung dieser Masse ist die Beschäftigung von Knaben in Berufen, 
1) Der zweite Teil des Minoritätsberichts ist auch unter dem Titel: „Public 
organisation of the labour market“ veröffentlicht. London 1909. Vgl. auch Be- 
veridge: Unemployment: A Problem of Industry. London 1909 und 1912. 
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