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ihre Anlagen auf ein Minimum abgeschrieben und
sich so grosse Reserven geschaffen haben, dass
sie Zukunftsarbeiten leisten können, ohne dass
diese Ausgaben in ihrer Gegenwartsbilanz über
haupt zum Ausdruck kommen. Es sind dies vor
wiegend Betriebe unter der Führung von ganz
überragenden Persönlichkeiten, die mit ihrem Ein
fluss und ihremNamen die Dividenden bestimmen,
ohne Rücksicht auf Aktionäre oder Spekulanten.
Aber solche Betriebe sind als die Ausnahmen zu
betrachten, im Verhältnis zu der grossen Masse, die
von der Hand in den Mund gewissermassen lebt,
sowohl eigentliche Qrossbetriebe als auch Mittel
betriebe, die gesellschaftlich betrieben werden.
Jedenfalls weis aber jeder, der in Aktiengesell
schaften tätig war, wie ängstlich jede Ausgabe für
die Zukunft vermieden wird, was an sich nicht
ausschliesst, dass hier und da ein schönes Fabrik
oder Verwaltungsgebäude aufgebaut wird, Werke,
die in kurzer Zeit heute vollendet werden und den
Qegenwartsdirektoren doch Ehre einbringen
können. Aber im allgemeinen denkt kein Direktor
an seinen Nachfolger, wie etwa der Vater an den
Sohn, der Onkel an den Neffen etc. Und ganz
entsprechend gestaltet sich dieStellungder Arbeiter
und Angestellten. Sie wissen nie, ob der Direktor,
der den einzelnen heute und vielleicht in Zukunft
wohl will, im nächsten Quartal noch ihr Vor
gesetzter sein wird. Und was weiss der neue Mann
von dem, was der Arbeiter oder Angestellte für
das Werk geleistet und hingegeben hat, das in
seiner Geldentschädigung nicht entlohnt worden
ist, sondern dessen Entlohnung er in der Zukunft
erwartet. Arbeiter und Angestellte arbeiten im
kapitalistischen Betrieb für einen unpersönlichen
Arbeitgeber, der durch schnell wechselnde Leiter
vertreten wird. Es ist daher nicht verwunderlich,
wenn das Interesse der Angestellten an dem Werk
so ungeheuer gesunken ist, und der krasseste
Egoismus sich eingestellt hat, da der einzelne ab
solut gezwungen ist, nur an sich selbst und seine
Vorteile zu denken. Der Begriff der Undank
barkeit der Arbeiter und Angestellten gehört daher
zweifellos in das Gebiet der Naivität oder der
Heuchelei. Das Interesse an der Arbeit und an
dem Unternehmen kann sich erst dort wieder
ergeben, wo an Stelle der Persönlichkeit, der
Vertrauen entgegengebracht werden konnte, an
Stelle des Arbeitgebers, dessen Auffassung von
der Arbeit darin zum Ausdruck kommt, dass er
den Zweck der Arbeit in dem Gemeinwohl sieht,
und dem die Arbeit zum Segen und Gebet wird,
(Alfred Krupp) ein Arbeitsvertrag tritt, der den
Arbeiter und Angestellten in ein ganz anderes
rechtliches Verhältnis zu dem Unternehmen
bringt, als es heute der Fall ist. Die Aktionäre
wechseln stündlich, die Direktoren wechseln
über Nacht. Das einzige, was im Grossen ver
hältnismässig das Beständigkeitsmoment dar
stellt, das ist die Gesamtheit der Arbeiter
und Angestellten, die gezwungenermassen
wechseln in dem Grade, als die Gunst oder
Missgunst der wechselnden Leiter sie berührt
oder unberührt lässt. Es ist eine bekannte
Tatsache, dass fast jeder Direktor, der in ein Werk
neu eintritt, in dem totem und lebendem In
ventar eine Verlotterung erblickt, die er nun
erst mal mit dem eisernen Besen gründlich reini
gen muss, d. h. so und soviele Arbeiter und An
gestellte müssen erst einmal hinaus. Das ist
menschlich, das ist nicht verwunderlich, denn
jeder neue Mann hält sich selbst doch für den
grossen Kopf, auf den alles wartet, um endlich
die richtige Reorganisation zu bringen. Mit dem
Augenblick aber, wo die Gesamtheit der Ange
stellten und Arbeiter dem Kapital gegenüber
rechtlich ein entsprechend gesicherter Faktor wird,
sei es durch den Arbeits vertrag oder durch sonstige
Rechtsinstitute, in dem Augenblick kommen
die Arbeiter und Angestellten zu den Unterneh
men, in denen sie arbeiten, wieder in ein
Verhältnis, das es ihnen ermöglicht, die ihnen
überwiesene Arbeit als ihre Arbeit anzusehen, das
Werk, in dem sie arbeiten, als ihr Werk zu
empfinden, da sie sich zu ihm in einem Rechts
verhältnis befinden, das sie aus ihrer früheren
Rechtlosigkeit, aus ihrer Abhängigkeit von der
Laune und Gunst wechselnder Direktoren heraus
gerissen hat. Jeder, der Angestellter oder Arbeiter
war, weiss, was Sympathie und Antipathie im
Lebenskampf bedeuten, weiss, dass es Impondera
bilien sind, die dem einen Gunst und dem anderen
Abweisung einbringen, ohne dass sie wissen,
warum. Es handelt sich hier aber nicht um das
soziale Problem, sondern um Gegenwarts- oder
Zukunftsarbeit, um die Frage, wie kann der
industrielle Mittelstand Zukunftsarbeiten
leisten. Und auch hier ist die Frage der Arbeits
teilung ins Auge zu fassen. Wie die Forschungs
arbeit dem Forschungsinstitut, die Exporttätigkeit
der Exportorganisation im Fachgebiet, so ist die
Zukunftsarbeit, soweit sie nicht bereits schon
durch diese beiden Organisationen geleistet wird,
geeigneten Organisationen zuzuweiseri.