Full text : Der finanzielle Aufbau der deutschen industriellen Aktiengesellschaften in den Jahren 1901 bis 1910

Die  Statistik  der  privaten  industriellen  Unternehmungen.
Die  Versuche,  vermittelst  statistischer  Üntersuchungen  einen  Einblick  in  den  inneren  Aufbau
der  privaten  industriellen  Unternehmungen  zu  gewinnen,  haben  bis  jetzt  nicht  zu  einem  allgemein,
aufklärenden  Ergebnis  geführt.  Was  an  zahlenmäßigen  Veröffentlichungen  über  die  Organisation  der
gesamten  industriellen  Unternehmungen  in  Deutschland  yorliegt,  gehört  der  amtlichen  Statistik  an
und  zwar  der  gewerblichen  Betriebsstatistik  für  das  Deutsche  Reich,  deren  letzte  für  das  Jahr  1907
mit  dem  Stichtag  12.  Juni  aufgestellt  worden  ist. 1  Als  Einheit-sind  dieser  Statistik  nicht  die  ganzen
Unternehmungen 2 ,  sondern  teils  die  Betriebe,  teils  die  Gesamtbetriebe,  in  denen  die  räumlich  nicht
getrennten  Betriebe  mit  gemeinsamer  Leitung  und  Buchführung  zusammengefaßt  sind,  zugrunde  gelegt.
Die  Angaben  über  die  Betriebe  und  die  Gesamtbetriebe  erstrecken  sich  für  die  einzelnen  Gewerbe
außer  auf  Anzahl  und  örtliche  Verteilung  auf  die  in  ihnen  beschäftigten  Personen,  sowie  auf  die
Verwendung  von  Motoren  und  Arbeitsmaschinen.  Für  die  Gesamtbetriebe  gibt  die  Statistik  Aufschluß
über  ihre  Zugehörigkeit  zu  den  verschiedenen  privaten  Unternehmungsformen,  wie  Betriebe  von
Einzelinhabern,  Aktiengesellschaften  usw.  Zum  Teil  sind  diese  Angaben  nach  der  Größe  der  Betriebe ­
  spezialisiert.
Nun  sind  die  Angaben  über  Motoren  unter  anderem  durch  zahlreiche,Doppelzählungen  und
über  Arbeitsmaschinen  neben  der  Unvollständigkeit  der  Erhebungen  durch  jegliches  Fehlen  eines
Bewertungsmaßstabs  für  die  nur  nach  ihrer  Zahl  angeführten  Maschinen  der  verschiedenen  Arten
schon  an  und  für  sich  unverwendbar 3 ;  durch  die  Zugrundelegung  nicht  der  wirtschaftlichen,  sondern
der  technischen  Einheit,  die  bei  Einzel-  und  Gesamtbetrieben  zwar  häufig,  aber  nicht  immer  zusammenfällt, ­
  ist  aber  auch  die  Verwertung  der  übrigen  Ergebnisse  der  Betriebsstatistik  für  eine  Untersuchung
der  Gesamtunternehnumgen  so  gut  wie  unmöglich  gemacht. 4
Für  einige  Gewerbe  veröffentlicht  das  Kaiserliche  statistische  Amt  ferner  noch  jährliche
Produktionsstatistiken.  Sie  beschränken  sich  auf  die  Erzeugnisse  der  Montanindustrie  und  derjenigen
Industrien,  für  welche  die  Besteuerung  ihrer  Produkte  eine  derartige  Statistik  verlangt,  wie  Bier,
Salz,  Zucker,  Spielkarten  usw.
Während  sich  die  deutsche  gewerbliche  Betriebsstatistik  auf  die  Ermittlung  der  erwähnten
Produktionsmittel  beschränkt,  bemüht  sich  die  Statistik  der  übrigen  großen  Industriestaaten  zum  Teil,
tiefer  in  das  Wesen  der  industriellen  Unternehmungen  einzudringen.  Am  weitesten  gehen  die
Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.  Ihre  letzte  Gewerbestatistik  für  das  Jahr  1909 5  mit  dem
„establishment“ 6  als  Einheit  erstreckt  sich  nicht  nur  auf  die  Zahl  und  örtliche  Verteilung  der
establishments,  die  in  ihnen  tätigen  Personen  und  verwendeten  Kraftmaschinen  7 ,  sondern  sucht  auch
ihre  Produktion,  ihre  Unkosten  und  das  in  ihnen  angelegte  Kapital  zu  erfassen.
Wenn  nun  schon  die  Ausdehnung  der  Statistik  auf  Produktion 8  und  Unkosten,  zumal  in
der  Ausführlichkeit  des  amerikanischen  Census 9 ,  die  größten  Schwierigkeiten  bietet,  und  ihre  Ergebnisse

1)  Statistik  des  Deutschen  Reiches  Bd.  213  —  221.
3)  ln  der  gewerblichen  Betriebsstatistik  treten  gelegentlich  auch  die  Bezeichnungen  gewerbliche  Unternehmungen ­
  und  Gesamtunternehmungeu  für  die  Einzel-  und  Gesamtbetriebe  auf,  z.  B.  Bd.  214,  Heft  2,  S.  1:  Vorbemerkung ­
  zu  Tabelle  11.
3)  Siehe  R.  Passow,  Der  Aufbau  der  größeren  industriellen  Betriebe  nach  den  Ergebnissen  der  gewerblichen ­
  Betriebsstatistik  von  1907;  Archiv  für  exakte  Wirtschaftsforschung  (Thünen-Archiv)  1912,  Bd.  4,  S.  642h;  siehe
A.  Hesse,  Gewerbestatistik,  2.  Auflage,  S.  31.
4)  Siehe  R.  Passow,  Kritische  Betrachtungen  über  den  Aufbau  unserer  gewerblichen  Betriebsstatistik;  Zeitschrift ­
  für  Sozialwissenschaft  1911,  S.  333;  siehe  Hesse,  a.  a,  O.  S.  247.  -
5)  Bd.  VIII—X,  „Manufactures“  des  „Thirteenth  Census  of  the  United  States,  taken  in  the  year  1910“.
6)  Auch  das  „establishment“  ist  nicht  immer  identisch  mit  der  wirtschaftlichen  Einheit  der  Gesamtunternehmung,
  sondern  nur  wenn  sämtliche  Betriebe  der  Unternehmung  in  einem  Staate  liegen  und  nicht  verschiedene
Industriezweige  umfassen.
7)  Über  Arbeitsmaschinen  werden  keine  Angaben  gemacht.
8)  Siehe  O.  Most,  Zur  Methode,  Technik  und  neuesten  Phase  der  gewerblichen  Prodnktionsstatistik;  Jahrbücher ­
  für  Nationalökonomie  und  Statistik,  III,  Folge,  Bd.  34,  S'721  f.;  Hesse,  Gewerbestatistik,  S.  X3f.
9)  Siehe  Hesse  S.  51.
            
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