Full text : Der finanzielle Aufbau der deutschen industriellen Aktiengesellschaften in den Jahren 1901 bis 1910

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nicht  eine  Entwicklung,  sondern  ein  Zustand  daigelegt  werden  soll.  Zu  diesem  Zwecke  wurden  die
Passivposten  der  Bilanzen  gesondert  in  eigenes  und  fremdes  Kapital;  die  Posten  der  Aktivseite,
deren  Summe  das  Gesamtvermögen  des  Unternehmens  angibt,  wurden  zunächst  geteilt  in  produzierendes
Vermögen  und  in  Wertpapiere  und  Beteiligungen.  Weiter  wurden  die  einzelnen  Posten  des  produzierenden ­
  Vermögens  zusammengefaßt  in  produzierendes  Anlagevermögen  und  Betriebsvermögen;
die  Vorräte,  die  einen  Teil  des  letzteren  bilden,  wurden  nochmals  für  sich  angeführt.  Den  Gewinnund
  Verlustrechnungen  wurden  die  Abschreibungen  entnommen.
Für  die  Aktiengesellschaften  der  Montan-,  Metallverarbeitungs-,  Maschinen-  und  Elektrizitätsindustrie ­
  wurden  Betriebsvermögen  und  kurzfristige  Schulden  zueinander  in  Beziehung  gesetzt.
Die  Größe  dieses  Verhältnisses  zeigt  die  Liquidität  der  Gesellschaften.  Das  produzierende  Anlagevermögen ­
  wurde  mit  den  Wertpapieren  und  Beteiligungen  zum  Gesamtanlagevermögen,  die  langfristigen
Schulden  mit  dem  eigenen  Kapital  zum  dauernd  verfügbaren  Kapital  verbunden;  das  Verhältnis
des  letzteren  zum  Gesamtanlagevermögen  zeigt,  wie  weit  das  dauernd  verfügbare  Kapital  außer
zum  Anlagevermögen  noch  zum  Betriebsvermögen  beiträgt.  1  2
Diese  Untersuchungen  beschränken  sich  auf  diejenigen  industriellen  Aktiengesellschaften  und
Kommanditgesellschaften  auf  Aktien,  deren  Aktien  oder  Obligationen  an  der  Berliner  Börse  gehandelt
werden.  Unter  ihnen  sind  die  wichtigeren  Industrien  genügend  zahlreich  vertreten;  auch  umfaßt
der  Kreis  dieser  Aktiengesellschaften  nicht  ein  engbegrenztes  Gebiet,  sondern  das  ganze  Deutsche
Reich;  ferner  liegt  für  sie  regel-  und  gleichmäßiges  Material  in  den  verschiedenen  Jahren  vor.  Eine
gewisse  Einseitigkeit  hat  diese  Begrenzung  insofern  zur  Folge,  daß,  da  die  Zulassungsbedingungen
der  Berliner  Börse  für  die  Aktien  ein  Mindestaktienkapital  von  einer  Million  Mark,  für  die  Obligationen ­
  eine  Mindesthöhe  der  Anleihe  von  ebenfalls  einer  Million  Mark  vorschreiben,  die  kleineren
Unternehmen  ausgeschaltet  werden.  Auch  alle  nicht  tätigen  Gesellschaften,  d.  h.  diejenigen,  die  sich
in  Liquidation  oder  Konkurs  befinden,  scheiden  aus.
Da  nur  die  industriellen  Gesellschaften  in  Betracht  kommen,  werden  die  land-  und  forstwirtschaftlichen ­
  Unternehmungen,  die  Bau-  und  Terraingesellschaften,  die  Hotels,  die  Vergnügungsunternehmungen, ­
  die  Transport-  und  Telegraphengesellschaften,  die  Banken  und  Versicherungsgesellschaften ­
  nicht  berücksichtigt.
Es  wurden  für  die  Untersuchungen  gewählt  die  Jahre  1901  bis  1910,  eine  Zeit,  auf  die
die  Jahre  der  guten  und  der  schlechten  Konjunkturen  im  ganzen  gleichmäßig  verteilt  sind.  Die
Grundlage  der  Untersuchungen  bilden  neben  den  gelegentlich  herangezogenen  Originalen  die  Auszüge
der  jährlichen  Geschäftsberichte  und  Bilanzen,  wie  sie  in  den  Jahrgängen  1902/03  bis  1912/13  von
„Salings  Börsenjahrbuch“  veröffentlicht  sind.  Ferner  wurden  verwandt  „Neumanns  Bilanztabellen“,
Jahrgang  2  bis  7,  und  „Saling,  Bilanz-  und  Rentabilitätstäbellen“,  Jahrgang  1911/12  bis  1913/14.
Während  aber  Salings  Börsenjahtbuch  dem  rühmlichst  bekannten  „Handbuch  der  deutschen  Aktiengesellschaften“, ­
  dessen  Angaben  den  ersten  amtlichen  Statistiken  zugrunde  liegen,  an  Zuverlässigkeit
gleichkommt,  wimmeln  die  beiden  genannten  Tabellenwerke  geradezu  von  irreführenden  und  falschen
Angaben,  vor  allen  Dingen  von  Druckfehlern.
Bearbeitung  des  Materials.
Die  Bilanzen  derjenigen  Gesellschaften,  deren  Geschäftsjahr  nicht  mit  dem  Kalenderjahr
zusammenfällt,  sind,  falls  der  Anfang  des  Geschäftsjahres  zwischen  den  1.  Juli  und  das  Ende,
des  Kalenderjahres  fällt,  als  zum  folgenden  Jahre,  die  übrigen  als  zum  laufenden  Jahre  gehörig
gerechnet  worden. 3  *  *
Die.  Einteilung  der  Aktiengesellschaften  nach  ihrer  Zugehörigkeit  zu  den  verschiedenen
Industrien  entspricht  in  dieser  Arbeit  im  allgemeinen  der  Teilung  nach  Gewerbegruppen,  wie  sie  die
amtliche  Statistik  vorsieht;  nur  ist  für  die  Gas-  und  Wasserwerke,  sowie  für  die  Eiektrizhätsindustrie
je  eine  neue  Gruppe  gebildet  worden.
Bei  der  Verarbeitung  der  Bilanzen  wurde  jeder  auftretende  Saldo,  gleichgültig  ob  er  auf
der  Aktiv-  oder  Passivseite  stand,  unberücksichtigt  gelassen. 8  Das  eigene  Kapital  besteht  aus  dem
eingezahlten  Aktienkapital  und  den  Reserven.  War  in  den  Bilanzen  auch  nicht  eingezahltes  Aktien1) ­

  Nach  R.  Passow,  Die  Bilanzen  der  privaten  Unternehmungen  S.  69  und  R.  Ehrenberg,  Die  Bedeutung
geschäftlicher  Bilanzen  für  die  Wirtschaftswissenschaften;  Archiv  für  exakte  Wirtschaftsforschung  (Xhünen-Archiv)  Bd,  1.
Ähnlich  bei  H.  Lomnitz:  Die  systematische  Bearbeitung  der  Veröffentlichungen  von  Aktiengesellschaften.
2)  Die  jährliche  amtliche  Statistik,  beispielsweise  für  das  Jahr  1910/ir,  umfaßt  die  Aktiengesellschaften
mit  denjenigen  Bilanzen,  deren  Abschlußtag  innerhalb  der  Zeit  vom  1.  Juli  1910  bis  zum  30.  Juni  1911  liegt.
3)  Man  könnte  auch  so  verfahren,  daß  man  die  (Gewinn-)  Salden  auf  der'Passivseite  unberücksichtigt  läßt,
dagegen  die  (Verlust-)  Salden  der  Aktivseite  als  Korrektivposten  betrachtet  und  sie  gegen  das  eigene  Kapital  der
Passivseite  der  betreffenden  Bilanz  verrechnet.
            
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