Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

993)] Die Entstehung des heutigen Proletariats. England. Vereinigte Staaten. 535 
eigentümlich und neu gestaltet, relativ verschieden in den einzelnen Staaten und doch in 
gewissen Grundzügen uͤbereinstimmend. Die Verschiedenheit ist fast mehr Folge der 
geistig-politischen Specialgeschichte des einzelnen Volkes, die UÜbereinstimmung mehr 
Folge der gleichen technischen und wirtschaftlichen Umbildung. 
In England hatte sich 17891882 ein verknöchert-toristisches reaktionäres 
Regiment ausgebildet und erhalten, das von einer liberal-fortschrittlich whigistischen 
Opposition längst bedrängt, unter Königin Viktoria von ihr abgelöst wurde. Langsam 
folgten sich politische und wirtschaftliche Keformen, erst im Sinne des städtischen Bürger— 
tums, dann auch im Sinne arbeiterfreundlicher Socialreform. Die Verelendung der 
Massen war in diesem ersten Lande der Großindustrie bis gegen 1880 am größten, 
hier war das Bauern- und Handwerkertum am stärksten vom Großbetrieb bedrängt und 
eingeschränkt; die individualistisch-liberale Wirtschaftspolitik hatte hier den Unternehmern 
die freiefte Bahn gegeben. Es bildet sich hier nun 1838 —1850 der rein politische 
Chartismus als radikal-revolutionäre Partei, um von 1850 an wieder rasch zu ver— 
schwinden. Es entsteht später keine nennenswerte politische Socialdemokratie, einfach 
weil die alten freien Verfassungsformen den Arbeitern und ihren Reformtendenzen freien 
Spielraum gewährten, weil der nüchterne praktische Sinn des Volkes sich in der Arbeiter— 
schutzgesetzgebung, in der Hülfskassen-, Genossenschafts-, Gewerkvereinsbewegung, in einer 
gewifsen Demokratisierung der Staats- und Gemeindeverfafsung, im sogenannten Munizipal— 
socialismus erreichbare Ziele und sichtbare Erfolge verschafft hatte, weil von 1840 -70 
an die beiden alten Parteien der Tories und Whigs und die führenden Aristokraten⸗ 
kreise offenen Sinn für die im einzelnen kleine, im ganzen aber doch wirksame Social—⸗ 
reform hatten, weil beide Parteien die Arbeiter für sich gewinnen wollten. Der bis 
1850 so starke Haß der Arbeiter gegen die Unternehmer verwandelt sich in den folgenden 
50 Jahren in ein erträgliches praktisches Zusammenwirken; die Arbeiter verlassen sich 
auf ihre Selbsthülfe, der beste Teil der Aristokratie sucht den Klassenabstand durch 
Hebung der Bildung und andere humane Maßregeln zu überbrücken. Auch der seit 
1880 etwas stärker hervortretende Staatssocialismus wird den Grundzug dieser ruhigen 
maßvollen socialen Bewegung nicht ändern, wenn auch die Befriedigung der Arbeiter⸗ 
ansprüche 1840 —80 durch Englands Monopolstellung leichter war als seither, seit der 
volkswirtschaftliche Fortschritt langsamer geworden ist. 
Ähnliches läßt sich von der socialen Bewegung in den Vereinigten Staaten 
und Australien sagen. Nur haben im letzteren Lande die republikanischen Parlamente 
bereits arbeiterfreundliche Majoritäten und eine dementsprechende Gesetzgebung; in diesem 
Arbeiterparadies giebt es wohl Schwärmer für Bodenverstaatlichung, aber keine die 
oberen Klassen hafsenden Socialdemokraten, wie in Deutschland und Frankreich. Auch 
in den Vereinigten Staaten hat der Bodenüberfluß und die Lohnhöhe wie der beispiellose 
Glanz der wirtschaftlichen Entwickelung die Arbeiter im ganzen von Extremen zurück⸗ 
gehalten. Die obere Schicht der Arbeiler hat eigene kleine Häufer, kleidet sich wie der 
Mittelstand, hat Gewerkvereine, wählt aber entweder republikanisch oder demokratisch. 
Die Arbeiterklasse hat sich nicht als Partei für die Wahlen organisiert, will keine Ver— 
staatlichung fämtlicher Produktionsmittel, die hier nur ungeheure Dieberei im Sinne 
der New HYorker Tammanyhall bedeutete. Im übrigen freilich ist die politische Ent⸗ 
wickelung keine ganz gesunde. Die Demokratisierung der Staatseinrichtungen ging hier 
am weitesten. Sie hat zur Folge gehabt, daß der anständige bessere Teil der oberen 
Klassen sich fast ganz von der Politik zurückzieht, daß der gewissenlosere, habfüchtige 
Teil einen steigenden politischen Einfluß durch Bestechung jeder Art sich sichert, daß 
unter scheinbar demokratischen Formen eine immer weitergehende Herrschaft der großen 
Geldmagnaten und einiger Hunderttausend von ihnen abhängender Professionspolitiker 
und Stellenjäger sich ausbildete. Alle vier Jahre gehört der bei der Präsidentenwahl 
siegenden Partei die Beute, d. h. alle Beamtenstellen des Bundes, und in den Einzelstaaten 
istes ähnlich. Es entsteht damit eine im ganzen sehr schlechte Verwaltung, die nur 
durch den Reichtum des Landes und die große Gewalt des Präsidenten und seiner 
nächften Gehülfen erträglich ist. Es besteht da nichts von einer varlamentarischen
	        
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