Weitere Entwicklung des Intellektualismus. —R
tatsächlichen Wahrheiten dagegen, empirisch abgeleitet, beruhen
ihm auf dem Nachweis kausalen Zusammenhanges mit anderen
Tatsachen: ihr Prinzip ist mithin das des zureichenden
Grundes.
Indes dieser Unterschied gilt nun nach Leibniz nur für
uns Sterbliche, nicht dagegen auch für die Gottheit, die viel—
mehr imstande sein müsse, eine unendliche Analysis aus—
zuführen, in deren Verlauf sich auch die vollkommene logische
Notwendigkeit und damit ewige Wahrheit der tatsächlichen
Wahrheiten ergäbe. Damit haben denn also auch die tat—
sächlichen Wahrheiten schließlich und an sich den Wert einer
unbedingten Notwendigkeit; nur uns sterblichen Menschen
heinen sie zunächst bloß bedingt notwendig und damit zu—
fällig.
Es ist, wie man sieht, schließlich doch die Auflösung aller
empirischen Erfahrung in Denknotwendigkeiten: es ist am Ende
der Sieg noch des Rationalismus und des Individualismus.
Denn die ewigen Wahrheiten wiederum sind ja nur insofern
unbedingt notwendig, als sie gedacht werden müssen, und zwar
innerhalb des Rahmens der obersten intellektualistischen Postu⸗
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also eine begriffliche, und sie werden zu Wirklichkeiten nur
durch Hypostasierung der zu der Zeit gegebenen Formen des
Denkens.
Aber in diese Auffassung der Dinge griffen nun bei
Leibniz doch wiederum erkenntnistheoretische Erwägungen ein,
die von neuem an seine metaphysische Gedankenwelt an—
knüpften. Und da erfolgte schließlich eine letzte Lösung des
erkenntnistheoretischen Problems, die weit über die rationalistische
Gedankenwelt des Individualismus hinausgeht.
Seibniz identifizierte nämlich die Welt der sinnlichen Er⸗
fahrung mit den unbewußten Vorstellungen des menschlichen
Monadensystems, die Welt der ewigen Wahrheiten dagegen mit
denjenigen klaren und deutlichen Begriffen, die sich in der
menschlichen Zentralmonade, der Seele, vorfänden: die Zwischen⸗
stellung also, die in seinem metaphysischen System der Mensch