Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Gußeiserne  Schienen.

143

103.  ffiicrs  gußeiserne
Winkeischirne,  1776.

heute  sind  derartige  Schienenwege  in  einigen  Gegenden  Englands  für  Kohlenbahnen  im
Gebrauche.  Sie  haben  den  Vorteil,  daß  die  Lastwagen  ohne  weiteres  auch  auf  gewöhnlicher ­
  Straße  laufen  können.  Dieses  hörte  zwar  auf,  als  im  Jahre  1789  Jessop  die
in  Abb.  105  wiedergegebene  Form  einführte,  in  der  wir  unschwer  einen  Vorläufer  der
heutigen  Eisenbahnschiene  erkennen  können,  sowohl  was  den
verdickten  Kopf  als  den  hohen,  tragfähigen  Steg  anbetrifft.
Dafür  war  aber  eine  Schiene  für  größere  Wagenlasten  geschaffen. ­
  Infolge  des  pilzartigen  Kopfes  mußten  die  Räder
die  Führung  des  Fahrzeuges  im  Gleise  allein  übernehmen,
daher  einen  überragenden  Rand  —  Spurkranz  -—-  erhalten.
Um  das  Gleis  noch  kräftiger  zu  gestalten,  gab  Jessop
dem  Stege  später  Fischbauchform,  und  weil  die  breiten  Fußenden ­
  im  Betriebe  leicht  brachen,  ließ  er  diese  fort  und  legte
die  Schienenenden  in  gußeiserne,  auf  den  Schwellen  festgelagerte ­
  Stühle,  in  denen  sie  durch  Schraubbolzen  sicher
gehalten  wurden.  —  Statt  der  Holzschwellen  versuchte  man  es  bald  mit  den  haltbareren
Steinwürfeln  und  kam  so  im  Jahre  1798  zu  der  in  Abb.  106  dargestellten  Anordnung*).
Die  Abbildung,  in  der  der  Deutlichkeit  wegen  die  Bettung  zwischen  den  Steinwürfeln  fortgelassen ­
  ist,  wurde  nebst  einigen  anderen  Abbildungen  dieses  Abschnittes  Findlays  „Betrieb ­
  und  Leitung  einer  englischen
Eisenbahn"  entnommen.  Wir  haben
hier  bereits  ein  sehr  durchgebildetes
Gleis  vor  uns,  das  noch  im  Jahre
1825  für  die  halbe  Länge  der
Stockton-Darlingtoner  Bahn  Verwendung ­
  fand,  während  für  die
andere  Hälfte  auf  G.  Stephensons
Vorstellungen  hin  schmiedeiserne
Fischbauchschienen  verlegt  wurden.
JessopsErfindung  hatte  eine  völlige
Umwälzung  in  der  Anlage  der
Eisenbahnen  im  Gefolge.  Sie  war
gleichsam  eine  „technische  Revolution", ­
  in  ihren  Wirkungen  ebenso
bedeutungsvoll  wie  die  gleichzeitig  IO«.  Currs  Kchirnrnwcg,  1776.
vor  sich  gehende  politische.  Sie
schuf  eine  Fahrbahn,  die  dem  Lastenverkehr  so  große  Vorteile  bot,  daß  ihre  Verbreitung
und  Nutzanwendung  für  Betriebe  mit  Pferden,  Seil  u.  s.  w.  von  Anfang  an  sicher  gestellt
war.  Auch  wenn  in  den  nächsten  Jahrzehnten  die  Dampflokomotive  noch  nicht  erfunden
worden  wäre,  würde  sich  Jessops  Eisenweg  doch  nach  allen  Hauptverkehrsgegenden  Bahn
gebrochen  haben.  Die  Lokomotive  dagegen  hätte  ohne  das  Gleis  niemals ­
  nennenswerte  Bedeutung  gewonnen.  Darum  waren  auch  alle  die
in  den  Jahren  1820—30  besonders  lebhaft  vor  sich  gehenden  Bemühungen ­
  auf  Schaffung  einer  brauchbaren  Straßenlokomotive,  auch
Dampswagen,  Dampfkutsche  genannt,  von  vornherein  *  aussichtslos.
Lokomotive  und  Gleisbahn  sind,  wie  schon  in  der  Einleitung  S.  77  er-  m
wähnt,  unzertrennlich  voneinander.
Mit  der  gußeisernen  Fischbauchschiene  ist  der  erste  Abschnitt  in  der
Entwickelung  der  Eisenbahnen  abgeschlossen.  Der  folgende  betrifft  neben  dem  Ersätze
der  gußeisernen  Schiene  durch  die  schmiedeiserne  die  Einführung  der  Dampfkraft,  der

Jessops  gußeiserne ­
  Nililchrrne,
1789.

*)  Auch  die  Curr-Schiene  ist  um  1800  aus  Steinwürfeln  verlegt  worden  und  zwar  auf
der  Merthyr-Tydvil-Bahn  in  Wales.  Das  weiter  unten  näher  genannte  Osnabrückcr  Gleismuseum
  enthält  ein  Stück  dieses  Oberbaues,  auf  dem  1804  R.  Trevithik  seine  im  folgenoen
Abschnitte  besprochene  Lokomotive  versuchte.
            
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