Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

248  Eisenbahnen:  Personenwagen.

nicht  als  Luxuswagen.  So  wurde  auf  den  Bahnen  in  Württemberg  und  in  der  Schweiz
diese  Bauart  eingeführt.  Doch  besaßen  diese  Wagen  nur  ein  einfaches  Drehgestell,
das  ein  sanftes  Fahren  ermöglichende  Gestell  mit  Wiege  und  doppelter  Federung,  wie
solches  weiter  unten  zu  Abb.  258  näher  erläutert  ist,  fehlte  ihnen.  Im  allgemeinen
sind  Wagen  mit  Mittelgang,  abgesehen  von  den  Speisewagen,  in  Nordenropa  nicht
beliebt;  die  Reisenden  lieben  hier  mehr  die  Absonderung,  ziehen  Abteile  den  einheitlichen ­
  Wagenräumen  vor.  Erstere  geben  für  längere,  besonders  nächtliche  Reisen  weniger
Störung  durch  zu-  und  abgehende  Reisende.  Anderseits  hat  das  reine  Abteilsystem  den
Nachteil,  daß  es  die  Reisenden  an  den  kleinen  Sitzplatz  bannt  und  von  den  anderen
Fahrgästen  des  Zuges  isoliert.  Vor  allem  aber  birgt  es,  wenn  nicht  Bahnsteigsperre
oder  das  englische  Kartenkontrollsystem  eingeführt  ist,  schwere  Nachteile  für  das  Zugpersonal, ­
  da  dieses  während  der  Fahrt  aus  den  außen  befindlichen  Trittbrettern  von
Wagen  zu  Wagen  mit  Lebensgefahr  gehen  muß.  Die  Verlnstziffern  der  Schaffner  durch
Abstürzen  von  den  Trittbrettern  sind  nicht  gering.  In  der  Schweiz  sind  Abteilwagen
in  den  Tageszügen  überhaupt  verboten.  (Nachtzügc  verkehren  nur  auf  den  wenigen  durchgehenden ­
  Linien,  wie  ans  der  Gotthardbahn  u.  s.  w.)  Hier  kann  der  Zugbeamte  vermittelst
der  Plattformen  gefahrlos  von  Wagen  zu  Wagen  gelangen.  Preußen  ist  dann  vor
einigen  Jahren  mit  der  Bahnsteigsperre  und  einem  Verbote  des  Trittbrettbegehens
während  der  Fahrt  in  löblicher  Weise  vorangegangen,  die  Reichslande  sind  gefolgt,  und
hoffentlich  wird  jenes  gefährliche  Kontrollverfahren  im  Interesse  der  Fahrbeamten  bald
überall  verschwunden  sein.
Wagen  mit  Seitengang.  Schon  1870  schlug  der  verdienstvolle  Ingenieur
Heusinger  von  Waldegg  Durchgangswagen  vor,  die  auch  die  Vorteile  der  Abteilwagen
boten.  Der  Durchgang  war  an  eine  Längswand  gelegt,  auf  ihn  mündeten  die  Seitenthüren
  der  Abteile.  Vier  Jahre  später  wurde  der  erste  Wagen  dieser  Bauart  in  Deutschland ­
  (Hessische  Ludwigsbahn)  in  Betrieb  gesetzt,  doch  brach  sich  erst  nach  1890  deren
allgemeine  Einführung  Bahn,  nachdem  die  Dnrchgangswagen  der  amerikanischen  Luxuszüge ­
  von  preußischen  Maschinenbaubeamtcn  1891  an  Ort  und  Stelle  eingehend  geprüft
worden  waren.
Luxnszüge.  Pullmann  hatte  1887  den  ersten  Luxuszug  gebaut,  der  als  der
Gipfel  des  Fortschrittes  gepriesen  wurde.  Diesem  folgten  bald  weitere  Züge  gleicher  Art,
die  sich  schnell  die  Gunst  der  Amerikaner  erwarben.  Es  sind  dieses  die  schon  oben  kurz
erwähnten,  aus  Salon-,  Speise-,  Schlaf-  und  Rauchwagen  zusammengesetzten  Züge  mit
geschlossenein  Verbindungsgang  an  den  Wagenenden  (Vestibüls  trains)  und  im  Inneren
auf  das  reichste  und  bequemste  ausgestattet  (vergl.  Abb.  247  bis  253).  Auf  Grund  des
günstigen  Berichtes  vorerwähnter  Beamten  verfügte  der  preußische  Eisenbahnminister  den
Bau  ähnlicher  geschlossener  Züge.  Es  sind  dieses  die  heute  bei  uns  so  beliebten  und  in
größerer  Zahl  verkehrenden  D-Züge  mit  Drehgestellwagen  und  durch  Faltenbälge  eingehüllten ­
  Übergangsbrücken  an  den  Enden,  vom  Volksmunde  aus  letzterem  Grunde  auch
Harmonikazüge  genannt.  Wagenkasten  und  Drehgestelle  sind  deutscherseits  selbständig
durchgebildet  worden.  Die  D-Wagen  gestatten  ein  sicheres,  gegen  Luftzug  geschütztes
Wandern  der  Reisenden  durch  den  ganzen  Zug,  ohne  Störung  der  Personen  in  den
Abteilen.  Da  die  Plätze  nach  amerikanischem  Vorbilde  numeriert  sind,  so  kann  man
sich  im  Zuge  auch  noch  nach  der  Abfahrt  einen  passenden  Platz  wählen,  soweit  die
Besetzung  es  gestattet.  Da  die  Züge  auch  Speisewagen  (Abb.  257)  bezw.  Kücheneinrichtung ­
  führen,  so  kann  man  in  ihnen  bequem  sich  leiblich  erfrischen.
Das  Reisen  in  solchen  D-Zügen  ist  keine  Unbequemlichkeit  mehr.  Ihre  Benutzung
in  Preußen  ist  auch  so  stark,  daß  aus  dem  verwaltungsseitig  erhobenen  Zuschlage  (V 2  bis
2  Mark,  je  nach  Entfernung  und  Wagenklasse)  sich  die  hohen  Beschaffungskosten  dieser
Züge  verzinsen.  Publikum  und  Verwaltung  haben  also  durch  dieselben  gewonnen.
In  England  sind  derartige  D-Züge  zur  Zeit  in  nur  geringer  Zahl,  dagegen  werden
in  die  Schnellzüge  vielfach  Speise-,  Salon-  und  Schlafwagen  mit  Drehgestellen  eingestellt.
D-Wagen  laufen  ferner  in  Österreich-Ungarn,  in  Rußland,  Schweden,  ans  der  Gotthardbahn ­
  u.  s.  w.  Sie  werden  sich  immer  mehr  Eingang  verschaffen.  Die  seit  1897  die
            
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