Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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nisse der Wissenschaft, wie der praktischen Erfahrung mit Umsicht 
zu verwerten, wird der Grossgrundbesitz seine Ueberlegenheit bewahren. 
Er ist es, der deshalb den Fortschritt anbahnt, dem der Bauer erst 
sehr langsam folgt. Der Verf. hatte Gelegenheit, in den fünfziger 
Jahren an der polnischen Grenze im östlichen Preussen zu beobachten, 
wie befruchtend auf die ganze Gegend die Ansiedlung eines intelli- 
yenten Gutsbesitzers wirkte, der dort zuerst den Klee anbaute, eine 
sorgfältige Ackerkultur und rationelle Fruchtfolge einführte, sowie eine 
yassendere Viehrace importierte. Seine Erfolge, der bessere Stand 
zeines Getreides, die höheren Preise, die er sowohl für seine besseren 
ınd reineren Körner, sowie für sein Vieh erhielt, erregten bald die 
Aufmerksamkeit und den Neid der umwohnenden Bauerngemeinden, 
die allmählich ihm nachzueifern begannen; zuerst indem sie ihm die 
Saat stahlen, die Zuchttiere missbräuchlich mitbenutzten, dann aber in- 
dem sie sich selbst durch Kauf aneigneten, wie mit Sorgfalt in der 
gleichen Weise zu ackern und zu düngen begannen, wodurch die ganze 
Gegend in zwei Dezennien gehoben wurde. 
Die grösseren Mittel ermöglichen natürlich rechtzeitig Meliora- 
‘ionen vorzunehmen, den Viehstand zu verbessern, Düngemittel und 
Saatgut von besonderer Qualität von auswärts zu beziehen ete. So 
‘st noch jetzt, besonders in den östlichen Provinzen Preussens, abge- 
sehen von der Grösse, leicht aus dem Stande der Saaten zu ersehen, 
5b man das Feld eines Bauern oder eines Gutsbesitzers vor sich hat, 
und noch vielfach, ob das Vieh einem grossen oder kleinen Be- 
sitzer gehört. Aber auch wo der Bauer höhere Intelligenz und 
Wohlstand erlangt hat, vermag er die Konkurrenz mit dem Gutsbe- 
sitzer nicht aufzunehmen, wenn es sich um die Erzielung edlerer "Tiere, 
adlerer Früchte und tierischer Produkte handelt, welche eine hervor- 
gende Leistungsfähigkeit beanspruchen; sei es in der Uebersicht 
über die besten Bezugsquellen, die geeignetsten Racen, dann die Art 
der Behandlung und schliesslich den Vertrieb. Die edelsten Race- 
pferde, die erlesensten Weine, die kostbarsten Früchte, das gesuchteste 
Saatgut, die beste Butter etc. liefern im allgemeinen noch stets die 
grösseren Besitzer. Das kann man überall beobachten, in ÖOstpreussen 
bei der Pferdezucht, in Schlesien bei der Zucht der Wollschafe, in der 
Provinz Sachsen der Fleischschafe, in Holstein und Mecklenburg, wie 
ebenso in England, der vorzüglichsten Rinder, in der Pfalz, am Binger 
Loch die Gewinnung der edelsten Weine, in Quedlinburg, Erfurt, der 
yesuchtesten Samensorten u. 8. w. 
Der Gutsbesitzer hat nach allem auf verschiedenen Gebieten eine 
natürliche Ueberlegenheit über den Bauern, die auf mehr extensiver 
Kultur in der Ausnutzung grosser Weideflächen durch bedeutende 
Herden, Getreidebau im grossen und in der Verwertung der Agrar- 
industrie liegt, bei dem Uebergang zu intensiverem Betriebe allmählich 
sich vermindert und schliesslich verloren geht, wenn die Kostspielig- 
keit des Betriebes durch die Entfernung vom Hofe mehr ins Gewicht 
fällt, bis er wiederum auf einem gewissen Höhepunkt angelangt, auf 
anderen Gebieten eine besondere Leistungsfähigkeit gewinnt. Dies 
wird noch schärfer hervortreten, wenn wir nun demgegenüber die 
Vorzüge des bäuerlichen Betriebes des Näheren untersuchen. 
YXonrad. Grundriss d. Dolit. Oekanamie. II. Teil. 2. Aufl.
	        
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