324 Eisenbahnen: Zugdienst und Fahrgeschwindigkeit.
wagen werden hier einfach während der Fahrt von dem Wagenbegleiter kurz vor der
Übergangsstation losgekuppelt (was eine besondere Form der Kuppelung ermöglicht)
und in der Station durch Bremsen zum Halten gebracht, während der Schnellzug dieselbe,
ohne anzuhalten, durchfährt.
Ein weiteres Mittel zur Erhöhung der Reisegeschwindigkeit besteht in der Ab
kürzung der Stationsaufenthalte. Das Äußerste hierin ist auf den Stadtbahnen
in London (Untergrundbahn), Berlin und New Jork (Hochbahn) erreicht, denn hier währt
das Anhalten nur 1 / i bis % Minute. Durch Einstellung besonderer Speisewagen, was
in der Neuzeit immer mehr in Aufnahme kommt, fallen die sonst notwendigen längeren
Fahrtunterbrechungen bei den lange Strecken durchfahrenden Schnellzügen zwecks Ein
nahme des Mittagessens fort, was einen Zeitgewinn von etwa */, Stunde ergibt. Englische
Bahnen führen jetzt Speisewagen sogar für die dritte Wagenklasse.
Einzelne englische und amerikanische Züge haben es zu einer sehr großen Durch
schnittsgeschwindigkeit gebracht. Sie sind deshalb auch vom Volke mit besonderen Namen
belegt worden. So heißt z. B. der Schnellzug von London nach Carlisle „The flying
scotchman“ („Der fliegende Schotte"), ein Zug der Great Western Bahn „Der fliegende
Holländer" u. s. w. Anderseits ist in den im Jngenieurwesen zurückgebliebenen Ländern
die Zuggeschwindigkeit eine verhältnismäßig geringe. In Spanien z. B. werden schon
Personenzüge mit 40 hm/Std. Durchschnittsgeschwindigkeit „Schnellzüge" genannt. Auch
in Rußland ist es nicht viel
besser. Hier beträgt die
Durchschnittsgeschwindig
keit der Schnellzüge sogar
nur 37 hm. Der S. 240
genannte Luxuszug der
sibirischen Überlandbahn
durchfährt die 3254 hm
lange Strecke Tschelja
binsk-Irkutsk in 1341/4
Stunden, das gibt eine
mittlere Reisegeschwindig-
zg«. Vorrichtung zmn Wassernehmcn während der Fahrt <1880). Eeit VvN 24,2 hm M der
Stunde. Die Personenzüge
dieser Bahn bringen es nur auf 16,4 und 21,6 hm/Std. Reisegeschwindigkeit. Damit
verglichen, zeigen die Luxuszüge der nordamerikanischen Überlandbahnen auf der 5483 hm
langen Strecke New Aork-San Francisco eine mehr als doppelt so große Reisegeschwindigkeit,
obschon die Steigungs- und Krümmungsverhältnisse ungünstiger sind. — Vergleicht man
nach den Fahrplanbüchern die Zuggeschwindigkeiten, so findet sich der schnellste Zug der
Welt in Nordamerika auf der Strecke Philadelphia—Atlantic City. Er fährt im Sommer
und legt nach S. 233 die 89 hm lange Linie in 47 bis 48 Minuten zurück. Die durch
schnittliche Reisegeschwindigkeit beträgt hiernach 111 hm in der Stunde, während die Fahr
geschwindigkeit den Höchstwert von 130 hm/Std. erreicht. Auch auf einigen anderen Linien
im Osten der Vereinigten Staaten von Amerika kommen erhebliche, wenn auch nicht so hohe
Geschwindigkeiten bei Schnellzügen vor. Im Westen jenes Landes dagegen fahren die
selben weit langsamer, da hier der anspornende Wettbewerb mehr oder weniger fehlt.
Es kommt jedoch nicht so sehr auf einen einzelnen, besonderen Zwecken angepaßten Zug an,
als vielmehr auf die Durchschnittsleistung aller Personenzüge eines Landes. In dieser
Hinsicht steht England noch immer obenan; auf dem europäischen Festlande sind es die
preußischen Staatsbahnen, wie die nachstehende, dem Archiv für Eisenbahnwesen 1897
entnommene Übersicht klar erkennen läßt. Es sind hierin alle Schnellzüge des Jahres
1896 aufgenommen, die eine stündliche Durchschnittsgeschwindigkeit einmal von 46 hm
und sodann von 60 hm überschreiten. Namentlich der letztere Wert führt zu höchst
bemerkenswerten Ergebnissen. Die Zahlen geben Prozente der gefahrenen Schnellzug
kilometer an: