Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

noch  der  Kanal  des  Herzogs  in  der  zuerst  geplanten  Ausdehnung  fertiggestellt  war,
hatte  sein  Besitzer  bereits  erkannt,  daß  es  vorteilhaft  sein  mußte,  einen  Kanal  nach
Manchester  abzuzweigen,  wozu  das  Parlament  1759  seine  Genehmigung  erteilte.  Fortan
entwickelte  Brindley  im  Kaualbau  eine  sehr  ausgedehnte  Thätigkeit,  und  eine  stattliche
Reihe  von  Kanälen  und  anderen  Bauwerken  verdanken  ihm  ihre  Gestaltung.  Brindley
starb  im  Alter  von  56  Jahren  am  27.  September  1772.  Als  seine  Gehilfen  waren
Männer  thätig,  die  durch  ihr  eigenes  späteres  Wirken  ihre  Namen  gleichfalls  unvergeßlich
gemacht  haben;  genannt  seien:  Smeaton,  James  Watt,  Rennie,  Clarke,  Robert
Whitworth,  Jessop,  Telford.
Ein  neues  Arbeits-  und  Ausführungssystem  wurde  in  England  eingeführt.  Große
organisierte  und  disziplinierte  Arbeiterkolonnen  unter  der  Führung  und  im  Dienste  großer
Unternehmer  erschienen  auf  dem  Plane  und  ermöglichten  die  Ausführung  außerordentlicher ­
  Aufgaben,  an  welchen  in  der  folgenden  Zeit  wahrlich  kein  Mangel  war.  In  ununterbrochener ­
  Reihe  und  innerhalb  eines  ungewöhnlich  kleinen  Zeitraumes  traten  Erfindungen ­
  und  Entdeckungen  an  den  Tag  und  bewirkten  auf  den  verschiedenen  Gebieten
Umwandelungsprozesse  von  so  großem  Umfange,  daß  die  Erde  nicht  nur  in  ihren  Berkehrsverhältnissen ­
  eine  neue  Gestaltung  erhielt,  sondern  auch  deren  Bewohner  ein  verändertes
Dasein  begannen.  Wenn  auch  das  Kanalbauwesen  nicht  die  Ursache  dieses  Umwandelungsprozesses ­
  genannt  werden  kann,  so  war  es  doch  ein  Hauptfaktor  bei  dessen  Förderung
und  Begünstigung.  Der  Kanalbau  des  Herzogs  bewirkte  durch  die  durch  ihn  herbeigeführte ­
  Frachtermäßigung  eine  Umgestaltung  des  Transportwesens.  Mit  Recht  wird
daher  diese  Schöpfung  als  ein  Grenzstein  in  dem  Knlturentwickelungsgange  Englands
betrachtet.  Unternehmungsgeist  und  Thatkraft  traten  an  die  Stelle  von  Zaghaftigkeit
und  Unentschlossenheit;  Schöpfungen,  an  welchen  man  bis  dahin  ihrer  Kosten  wegen
nicht  zu  denken  gewagt  hatte,  wurden  nun  in  großer  Zahl  zur  Ausführung  gebracht.
Im  Jahre  1768  begann  unter  Leitung  des  Ingenieurs  Smeaton  mit  einem  Kapitalaufwand ­
  von  3  000  000  Mark  der  größte  Kanal  der  damaligen  Zeit,  der  Kaledonische
Kanal,  der  eine  Verbindung  zwischen  der  Nordsee  und  dem  Atlantischen  Ozean  und  zwar
für  Schottland  schuf.  Dieser  Bau  gilt  als  ein  Meisterwerk  der  Technik.  Watt,  Telford
und  Jessop  waren  als  Ingenieure  thätig.  Bis  1780  wurde  ein  vierfacher  Inlandwasserweg
  von  Meer  zu  Meer  geschaffen.
Durch  die  veränderten  Verhältnisse  konnte  sich  Liverpool  zum  Stapelplatz  des  ganzen
Hinterlandes  entwickeln.  Die  Rohstoffe  wurden  fortan  zu  Wasser  und  billig  aus  dem
Seeschiff  nach  den  verschiedenen  Jndustrieorten  und  die  fertigen  Waren  auf  demselben  Weg
zurückgebracht,  um  nach  allen  Teilen  der  Erde  verschifft  zu  werden.
Der  Ingenieur  Telford  war  der  Mann,  der  auf  dem  Gebiet  des  Wegebaues
reformierend  und  selbstschöpferisch  vorging.  Seine  großen  Straßenbauten  führten  in  den
Verhältnissen  vieler  Gegenden  mancherlei  günstige  Veränderungen  herbei.  Kühne  Brückenbauten ­
  stellten  die  feste  Verbindung  zwischen  bisher  getrennten  Landesteilen  her.  Der
Landstraßenverkehr  erhob  sich  zu  einer  bis  dahin  niemals  erreichten  Höhe.  Die  besten
Wagen  legten  in  der  Stunde  bis  17  */ 4  km  zurück,  zwischen  London  und  Birmingham
soll  sogar  eine  Geschwindigkeit  von  19  —  25  lern  erreicht  worden  sein.
Aber  weder  die  Glanzperiode  der  Kanäle  noch  die  des  Landstraßenverkehrs  war  von
langer  Dauer.  Ein  nach  mancher  Hinsicht  noch  vollkommeneres  Verkehrsmittel,  die
Eisenbahn,  war  berufen,  die  Wege  und  Kanäle  in  den  Hintergrund  zu  drängen.  Das
Jahr  l  820  muß  als  dasjenige  bezeichnet  werden,  in  welchem  sich  der  Sieg  der  Eisenbahn
entschied.  Brindley  hatte  mit  hellsehendem  Blick  bereits  diesen  Entwickclnngsprozeß  vorausgesagt. ­
  „l  866  iniscllick  kor  th6  canals  in  those  tramroacls“  (Ich  sehe  den  Kanälen
ans  jenen  Trambahnen  Unheil  erwachsen)  war  sein  geflügeltes  Wort  gewesen.  Seit  der
Eröffnung  der  Liverpool-Manchester-Eisenbahn  im  Jahre  1830  hat  sich  das  englische
Wasserstraßensystem  räumlich  nur  wenig  mehr  entwickelt,  der  Schwerpunkt  des  Kanalwesens ­
  liegt  in  England  seit  jenem  Jahre  in  den  legislatorischen  Maßnahmen,  die
einerseits  die  Konkurrenzfähigkeit  der  Kanäle  mit  den  Eisenbahnen  stärkten,  anderseits
sie  gegen  die  Macht  der  letzteren  schützten.
            
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