Schiffahrtskanäle im Altertum.
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SchiffahrksKsnälr.
In unserer viel bewegten Zeit tritt der Kanalbau seit einer Reihe von Jahren,
nachdem man in der Periode des stärksten Eisenbahnbaues geglaubt hatte, daß er seine
Rolle für alle Zeiten ausgespielt habe, wiederum bedeutend hervor. Von allen Seiten
tauchen Projekte für neu anzulegende Kanäle auf, und wenn man sich einst zu dem Vor
schlage versteigen konnte, die bestehenden Kanäle zuzuwerfen und auf diesen Schüttungen
Schienen zu verlegen, so sucht man heute die Vorzüge dieses Transportvermittlers in
das hellste Licht zu setzen und seine Überlegenheit rechnerisch darzuthuu. Bedeutende Kanal
anlagen hat die Jetztzeit bereits entstehen sehen, und groß ist die Zahl der geplanten
Unternehmungen dieser Art.
In der That ist das Wasser, wie auch das Vorangegangene zur Genüge hat erkennen
lassen, ein so vollkommenes Verkehrsmittel, daß es nicht überraschen kann, wenn die
Menschen sich früh desselben bedienten und dort, wo die Natur es versagt hatte, bestrebt
waren, dieses Transportmittel künstlich zu schaffen. Die erste Bethätigung auf diesem
Gebiete fand bereits im hohen Altertume statt, sie knüpft an die Schaffenskraft der Baby
lonier und Ägypter an. Die Herstellung der Schiffahrtskanäle erfolgte ohne Zweifel in
Anlehnung an die zu Bewässerungszwecken in zahlreichen antiken Kulturländern angelegten
Gräben und Kanäle. In den meisten dieser Länder bildeten die Bewässerungsanlagen
die Grundbedingung des hohen Kulturzustandes. Diese Behauptung trifft im gleichen
Maße für die Tigris- und Euphratländer, wie für Ägypten, China und Indien zu. In
allen genannten Ländern sind die auf uns gekommenen Reste von einem Umfange, der unsere
Bewunderung und unser Erstaunen erregen muß und ahnen laßt, wie außerordentlich
bedeutend diese Werke einst gewesen sein müssen. Von dem guten Funktionieren dieser
Bewässerungskanäle hing das Gedeihen des gesamten Volkes ab, und mit ihrer Ver
nachlässigung oder Zerstörung sanken jene Völker rasch von ihrer hohen Kulturstufe herab.
Diese Jrrigationskanäle sind als die Vorstufe der eigentlichen Schiffahrtskanäle anzusehen.
Nicht wenige dienten im Laufe der Zeit beiden Zwecken.
Die ältesten Schiffahrtskanäle zweigten entweder von einem Flusse ab oder ver
banden zwei Wasserläufe miteinander, und zwar war es erforderlich, daß die Höhenlage
derselben eine solche war, die eine freie Verbindung ermöglichte. Es dauerte lange, ehe
der Mensch ein Mittel erfand, die Höhendifferenz zweier durch einen Kanal zu verbindender
Wasserläufe künstlich zu überwinden, was erst vollkommen durch die Erfindung der
Kammerschleuse im 14. Jahrhundert unserer Zeitrechnung geschah.
Zu den ältesten Nachrichten über Schiffahrtskanäle gehören die Mitteilungen über
die Herstellung einer künstlichen Wasserverbindung zwischen dem Mittelländischen und
Noten Meer. Unter Ramses dem Großen (Sesostris, 1396 — 1328 v. Chr.) soll zuerst der
Versuch gemacht worden sein, den Kanal von Suez zu bauen. Als Hauptursache
dieses Unternehmens wird der Verkehr mit dem arabischen Kupferlande angesehen, mit
welchem die Ägypter einen großen Handel trieben. In späterer Zeit nahm Necho (Neku)
die Ausgrabung des Kanals wieder auf, priesterliche Orakelsprüche schreckten ihn jedoch
von der Fortsetzung der Arbeit zurück. Erst der Achämenide Darius Hystaspis vollendete
einen Kanal zwischen den beiden Meeren, der etwas oberhalb Bubastus von dem Nil
abging. Herodot beschrieb als Augenzeuge diesen Wasserweg. In der Folgezeit geriet
dieses Werk in Verfall, wurde jedoch von Ptolemäus Philadelphus wieder in sehr voll
kommener Weise hergestellt. Nach den auf uns gekommenen Nachrichten besaß derselbe
künstliche Schleuseneinrichtungen, deren genaue Beschaffenheit jedoch nicht bekannt ist. Der
Kanal erhielt sich bis zur Römerherrschaft, bis zu den Zeiten Marc Aurels, ja vielleicht
bis zu den Zeiten des Kaisers Septimius Severus, also über vier und ein halbes Jahr
hundert. Im Jahre 640 n. Chr., nach der Eroberung Ägyptens durch die Araber, ließ
der Kalif Omar den Kanal von neuem öffnen, Al Mansor aber ihn um 760 aus mili
tärischen Gründen wieder verschütten. Dicuil, ein irischer Mönch, berichtete im Jahre 825,
daß sein Lehrer auf einer Wallfahrt nach dem Heiligen Lande einen Kanal vom Nil nach
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