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Seekanäle.
Es hat keinen Wert mehr, auf die Kämpfe einzugehen, die von Lesseps zu führen
waren, um das gewaltige Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu bringen. Nachdem
am 5. Januar 1856 die Konzession zum Bau erteilt war, begannen am 22. April 1859
die Arbeiten. Nach und nach waren 20 000 Fellahs im Frondienste auf der ganzen
Strecke beschäftigt. Durch die im Jahre 1864 erfolgte Abschaffung der Fronarbeit
wurde eine Änderung in der Arbeitsweise nötig. An die Stelle des Spatens und Schieb
karrens traten nun mächtige Arbeitsmaschinen, Bagger, Exkavatoren und Ablademaschinen,
die alle durch Dampfmaschinen getrieben wurden, deren gesamte Leistungsfähigkeit
10 000 Pferdestärken betrug. Heute, wo die Verwendung derartiger Maschinen eine
allgemeine ist, haben die damaligen Leistungen etwas von ihrem Glanze eingebüßt, und
doch verdienen sie in vollem Umfange den Ruhm, deu sie einst genossen, und das Auf
sehen, das sie erregten. Nicht nur die neue Arbeitsmethode, sondern vor allem die
klimatischen Verhältnisse bereiteten außerordentliche Schwierigkeiten. Die Versorgung
der Arbeitermassen mit Wasser und Nahrungsmitteln, mit Obdach und den sonstigen
Bedürfnissen verursachte zahlreiche Mühen, und nicht leicht war es, eine Abwehr gegen
die epidemischen Krankheiten zu finden. 1600 Kamele waren nötig, um täglich das er
forderliche Trinkwasser für die im Beginn der Arbeit beschäftigten 20 000 Arbeiter
herbeizuschaffen. Um dem Wassermangel ein für allemal wirksam abzuhelfen, wurde ein
Süßwasserkanal vom Nil bis zum Isthmus hergestellt, an welchem Werk 15000 Menschen
2 Jahre lang thätig waren. Die an die Stelle der Fellahs getretenen Arbeiter stammten
aus Südeuropa und der Levante und waren in hohem Grade durch Seuchen gefährdet.
Zu den technischen Schwierigkeiten und den sonstigen Verwaltungssorgen kamen namentlich
finanzielle hinzu und brachten das Unternehmen beinahe dem Stillstand nahe. Mit
großem Geschick und zäher Ausdauer gelang es Lesseps jedoch immer wieder von neuem,
die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Am 16. November 1869 wurde in
Gegenwart zahlreicher Fürsten und zahlreicher Abgesandter aller Nationen sowie im An
gesicht von über 30 000 Teilnehmern aus allen Erdteilen die festliche Eröffnung des
Kanals vollzogen.
Der Kanal erstreckt sich von der an seinem Nordende liegenden Hafenstadt Port
Said bis Suez an seinem Südende. An ersterem Orte hat man durch zwei 2500 m in
das Meer hinausreichende künstliche Dämme, Molen, einen guten Hafen gebildet, der mit
allen Erfordernissen eines solchen Platzes ausgestattet ist, und woselbst sich die Agenturen
der großen Dampfergesellschaften, Konsulate, Post- und Telegraphenämter befinden. Von
Port Said führt der Kanal zwischen künstlichen Dämmen durch den Mensalehsee, durch
sticht dann die Bodenschwelle El Käntara (d. h. die Brücke), geht durch den kleinen Ballahsee
und weiter südlich durch die Schwelle El Gisr, woselbst bedeutende Durchstiche nötig
waren. Der Kanal tritt alsdann in den Timsah- oder Krokodilsee ein. In diesem und
in dem Bittersee sind keine Dämme geschüttet; die Route ist durch Seezeichen kenntlich
gemacht. Das schwierigste Stück der ganzen Anlage folgt bei Tussum, vor dem Bittersee.
Die Ausdehnung des Bittersees ist so bedeutend, daß man das jenseitige Ufer nicht zu
erkennen vermag. An der Ein- und Ausfahrt stehen Leuchttürme. Der Kanal durchzieht
alsdann die Schwelle Schaluff, tritt dann in den Bereich von Ebbe und Flut des Roten
Meeres und erreicht dieses bei Suez, woselbst die Kanalrinne noch 4 km weit in das
Meer fortgesetzt ist.
Die durchschnittliche Tiefe des Suezkanals beträgt gegenwärtig 9 m, während sie
anfänglich nur 7 1 /» m war. Die Wasserbreite schwankt zwischen 50 und 100 in. Für
das Begegnen der Schiffe waren zahlreiche Ausweichungen angelegt, doch haben sich die
selben nicht als ausreichend erwiesen, so daß das Kanalprofil im Laufe der Jahre, und
zwar während der Kanal in Benutzung war, erweitert worden ist. Diese Erweiterungs
arbeiten begannen im Frühjahr 1884.
Die Bedeutung des Suezkanals ist eine sehr große, durch ihn ist die Verbindung
mit Ostasien und Australien ganz außerordentlich abgekürzt und zwar für die Schnell
dampfer um 15 bis 22, für die gewöhnlichen Frachtschiffe um 27 bis 40 Tage. Die
Differenz des Seeweges um das Kap der guten Hoffnung nach Bombay gegen die Kanal
route beträgt z. B. für