Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Landstraßen.
Der  Stratzenbau.
ie  Wegebauten  einiger  alten  Völker  sind  in  der  Einleitung  bereits  besprochen.
Eine  besondere  Förderung  erfuhr  der  Straßenbau  im  Altertum  durch  die
Phönizier,  Perser,  Griechen  und  namentlich  durch  die  Römer.
Die  Phönizier  erwarben  sich  ein  bedeutendes  Verdienst  durch  die  Anlegung
der  ersten  künstlichen  Wege  in  Europa  und  zwar  in  Griechenland.  Diese
Wege  dienten  vornehmlich  dem  Holztransport  aus  den  griechischen  Urwaldungen
an  das  Meeresgestade.  Die  günstige  Gestaltung  des  Landes,  an  dessen  Küstenrand  sich
eine  Meeresbucht  an  die  andere  reiht,  ließ  das  Bedürfnis  nach  Transportwegen  hier  nicht
in  gleich  hohem  Maße  wie  in  anderen  Ländern  hervortreten.  Wenn  dennoch  Griechenland ­
  von  einer  größeren  Anzahl  Straßen  durchschnitten  war,  so  hatten  hierzu  in  erster
Linie  religiöse  Einflüsse  den  Anstoß  gegeben.  Die  Heiligtümer  wurden  von  allen  Griechen
gemeinsam  verehrt,  und  die  Wallfahrten  nach  denselben  ließen  Straßen  entstehen,  die
durch  das  verhältnismäßig  geringe  Bedürfnis  des  Handels  allein  nicht  geschaffen  worden
wären.  Diese  Straßen  erhielten  eine  eigenartige  Ausbildung.  Die  Festwagen,  die  Hauptobjekte,
  mit  welchen  diese  Wege  befahren  wurden  und  auf  denen  den  Göttern  die  heiligen
Gegenstände  zugeführt  wurden,  sollten  ohne  Unfall  ihren  Bestimmungsort  erreichen  können.
Um  dem  Transport  dieser  hochgebauten,  geschmückten  und  beladenen  Festwagen  jegliche
Störung  fernzuhalten,  stellten  die  Griechen  in  dem  felsigen  Untergrund  eine  genaue  Bahn
für  die  Wagenräder  her,  indem  sie  Spurrinnen  im  Boden  einarbeiteten.  Diese  Spuren
bestanden  aus  sauber  ausgehauenen  kleinen  Rinnen,  deren  Überbleibsel  noch  heute  vorhanden ­
  sind.  Diese  Spurwege  pflegt  man  als  die  erste  Entwickelungsstufe  unserer  modernen
Schienenwege  zu  bezeichnen.  Das  Einschneiden  der  Geleisfurchen  war  die  Hauptarbeit  des
griechischen  Wegebaues,  und  ans  diese  Thätigkeit  ist  die  den  alten  Sprachen  eigene  Ausdrucksweise ­
  „den  Weg  schneiden"  zurückzuführen.
Die  nach  den  Heiligtümern  führenden  Wege  wurden  als  heilige  Straßen  betrachtet,
nach  dem  Glauben  der  Griechen  waren  auf  ihnen  die  Götter  gewandelt,  als  sie  in  das  Land
kamen.  Die  Schicksale  dieser  Götter  wurden  durch  Denkmäler  veranschaulicht,  welche  an  den
Straßenseiten  aufgestellt  wurden.  Auch  das  Andenken  an  jene  Heroen,  die  im  Dienste  der  Gottheiten ­
  gehandelt  oder  gelitten  hatten,  wurde  auf  gleiche  Weise  geehrt.  Die  heiligen  Straßen
nahmen  ihren  Anfang  an  einem  heiligen  Thor.  Durch  dieses  zogen  die  Prozessionen  ans,  um
nach  dem  am  anderen  Ende  der  Straße  liegenden  Heiligtume  zu  wallfahren.  Die  Anschauung,
daß  diese  Heerstraßen  gottgeweihte  Anstalten  waren,  hatte  zur  Folge,  daß  sie  auch  im  öffentlichen ­
  Recht  und  im  Völkcrverkehr  als  solche  anerkannt  wurden,  und  daß  die  ältesten  Völkerverträge ­
  sich  auf  die  Unverletzlichkeit  der  Pilger  bezogen.  Mit  dieser  Heiligkeit  der  Straßen
hängt  es  zusammen,  daß  die  Alten  mit  Vorliebe  am  Wegrande  bestattet  werden  wollten.
Den  Familiengräbern  kam  an  dieser  Stelle  außer  dem  allgemeinen  Schutz,  deu  Sitte  und
Religion  hinsichtlich  der  Grabstätten  vorschrieben,  noch  die  besondere  Heiligkeit  der  Belegenheu
zu  gute.  Für  besonders  ehrenvoll  galten  die  Gräber  an  den  Kreuzungspunkten  verschiedener
Straßen.  Manche  dieser  Denkmäler  hatten  eine  besondere  Weihe  und  Wichtigkeit,  indem  sie
in  dem  Rufe  wunderthätiger  Einwirkung  standen.  So  gab  es  solche,  an  denen  ungtucktlch
Liebende  Abhilfe  ihrer  Not  suchten,  oder  die  für  Fieberkranke  hilfebringend  waren,  ¿ue
Tempelzugänge  wurden  frühzeitig  gepflastert,  bereits  in  der  Odyssee  wird  der  gepflasterten  Hose
und  Märkte  Erwähnung  gethan.
            
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