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Schwingungen des Schiffes. Besegelung.
sich ganz mit den Wellen bewegen. Bei schmalen und ranken Schiffen mit entsprechend
großer Stillwasserperiode wird die Bewegung zum Einstellen in die Richtungslinie des
Auftriebes eine sehr langsame sein. Das Schiff hat dann die Schwingung noch nicht
beendet, wenn die halbe Wellenlänge vorüber ist und demnach die Richtungslinie des
Auftriebs ihre Schwingung beendet hat. Eine Welle, deren Periode demnach kleiner ist
als die doppelte Stillwasserperiode eines Schiffes, wird daher dasselbe nur wenig in
seiner aufrechten Lage stören; das Deck bleibt fast horizontal liegen und bildet eine
stetige Plattform. Diese Eigenschaft des Schiffes, welche man vorzüglich bei Schnell'
dampfern antrifft, nennt man Stetigkeit. Ist nun die Stillwasserperiode eines Schiffes
gleich der halben Wellenperiode, so wird jeder Wellenzng, da Schiff und Richtungslinie
des Auftriebs gleichmäßig schwingen, den Neigungswinkel vergrößern, und das Schiff
wird nach dem Passieren einiger Wellenzüge überrollen oder kentern, wenn nicht der be
deutende Seitenioiderstand des Wassers die Bewegung des Schiffes bremst. Es entspricht
dies dem Fall eines Pendels, welches zu großen Ausschlägen gebracht werden kann,
wenn dasselbe in bestimmten Zeitintervallen kleine Impulse erhält. Dieser theoretisch
begründete Satz hat sich durch die Erfahrungen bestätigt. Wenngleich ein Kentern von
Schiffen wegen der beim Rollen auftretenden Widerstände nicht immer eintritt, so hat man
doch Neigungen bis zu 40 und 50 Grad beobachtet, wenn das sonst ruhig schlingernde Schiff
in Wellen zu liegen kam, deren Periode doppelt so groß war, als die Schiffsperiode.
Man muß daher bestrebt sein, dem Schiff beim Entwurf eine Stillwasserperiode zu geben,
welche größer ist, als die halbe Wellenperiode der größten Ozeauwellen. Da letztere eine
Periode von 10 bis 11 Sekunden haben, so ist eine Stillwasserperiode von 5^ Sekunden
günstig. Sobald die Lage des Schiffes zur Welle nicht mehr querstes ist, wenn also
das Schiff unter einem Winkel zum Welleuzuge sich bewegt, so wird sich die relative
Wellenperiode ändern, und ergeben sich dann andere Schlingerbewegungen. Man muß
daher den Schiffskurs so wählen, daß man eine Übereinstimmung der Schiffsperiode mit
der halben Wellenperiode vermeidet.
Als seiner Zeit das erste französische Panzerschiff „Gloire" auf See sich durch heftiges
Schlingern auszeichnete, glaubte mau beim Bau des Schwesterschiffes diesen Übelstand
dadurch beseitigen zu können, daß man die Hauptgewichte und dementsprechend den
Systemschwerpunkt tiefer brachte, da man irrtümlich annahm, daß das heftige Schlingern
durch die Topschwere veranlaßt sei. Die hierdurch vergrößerte metazentrische Höhe ver
ursachte jedoch ein weit heftigeres Schlingern mit größeren Ausschlägen als anfänglich, so
daß wieder Gewichte nach oben verschoben werden mußten. Diese irrtümliche Auffassung,
daß ein heftiges und weitausholendes Schlingern des Schiffes ein Zeichen der Topschwere
bezw. eines unstabilen Schiffes sei, ist noch vielfach vertreten, man sucht in solchem Fall
irrtümlicherweise Ballasteisen tief zu verstauen, da man ein Kentern zu befürchten glaubt,
während anderseits die ranken und meist wenig stabilen Schnelldampfer, weil sie in See
ruhig liegen und sanfte, wenig ausholende Bewegungen machen, im Kreise der Laien
als Schiffe von großer Stabilität gelten, was sie in der That nicht sind.
Besegelung und Ruder.
Die Verwendung der Segel zur Fortbewegung der Schiffe gehört, wie wir in der
Einleitung gesehen haben, zu den ältesten Hilfsmitteln des Schiffbauers, und dieselbe ist
bis in die neueste Zeit demselben treu geblieben. Der mächtige Aufschwung der Dampfschiff
fahrt hat freilich einen Rückgang der Segelschiffe zur Folge gehabt, doch sind schnelle
Segler zu jeder Zeit von Bedeutung gewesen. So gehörten seiner Zeit die spanischen
und portugiesischen Sklavenschiffe, welche den Menschenhandel zwischen Afrika und Amerika
betrieben, später die sogenannten Frachtschiffe, welche im Frühjahr die ersten Süd
früchte vom Mittelmeer nach England und Hamburg brachten, zu den besten Seglern.
Später bauten die Amerikaner die sogenannten Klipperschiffe, schnelle Segler mit
schlanken Schiffslinien, für den Verkehr nach den Goldfeldern in Kalifornien um das
Kap Horn herum, und heutzutage reihen sich diesen Seglern die gewaltigen eisernen