Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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946  Die  Weltwirtschaft.
läßt  die  Notwendigkeit  eines  kräftigen  Schutzes  der  heimischen  Landwirtschaft  klarer  als
irgend  etwas  zu  Tage  treten.
Die  Einfuhr  hat  aber  nicht  nur  den  Fehlbetrag  der  einheimischen  Landwirtschaft
zu  decken,  sie  erstreckt  sich  auch  auf  die  Deckung  unseres  Bedarfes  an  Nahrungs-  und
Genußmitteln,  die  im  Jnlande  überhaupt  nicht  erzeugt  werden.  Hierher  gehören
Kolonialwaren  und  Südfrüchte  sowie  Seefische,  deren  Mehreinfuhr  im  Jahre  1898
zusammen  gegen  rund  400  Millionen  Mark  ausmachte.  Nicht  minder  bedeutend  als  die
Nahrnngsmitteleinfnhr  ist  ferner  die  Einfuhr  an  Rohstoffen  der  Industrie.  Trotz
des  großen  Mineralreichtums  Deutschlands  wurden  im  Jahre  1898  für  etwa  175  Millionen ­
  Mark  Erz  und  Rohmetall  eingeführt.  Die  Textilindustrie  bezog  Baumwolle ­
  und  Baumwollgarne  im  Werte  von  254,  Seide  im  Werte  von  110—120  und
Jute  im  Werte  von  32  Millionen  Mark;  zusammen  mit  den  Bezügen  an  Spinnstoffen,
die  zum  Teile  auch  im  Jnlande  erzeugt  werden,  beläuft  sich  der  durch  Bezug  aus  dem
Auslande  zu  deckende  Rohstoffbedarf  der  Textilindustrie  auf  fast  750  Millionen  Mark.
Die  chemische  Industrie  führt,  ungerechnet  die  künstlichen  Düngstoffe,  für  etwa
90  Millionen  Mark  Rohstoffe  ein,  die  Kautschukindustrie  für  44.  Außerdem  ist  noch
die  Industrie  in  Fettstoffen  und  Mineralölen  auf  den  Bezug  von  Petroleum  und
tropischen  Ölfrüchten  und  noch  eine  Reihe  anderer  Industrien  mehr  oder  minder  ans  die
Zufuhr  ausländischer  Rohstoffe  angewiesen.  Der  Einfuhr  an  Werkhvlz  und  an  Häuten  für
unsere  Holz-  und  Lederindustrie  ist  bereits  oben  gedacht  worden;  ferner  kommt  noch
für  diese  Industrien  der  Bezug  von  überseeischen  Gerbstoffen,  exotischen  Hölzern  und  Schnitzstoffen ­
  wie  Elfenbein,  Perlmutter  u.  a.,  für  die  Bekleidungsindustrie  jener  von  Vogelbälgen ­
  und  Schmuckfedern,  für  die  Schmuckwarenindustrie  die  Einfuhr  von  Edelsteinen, ­
  Korallen  u.  s.  w.  in  Betracht.  Der  Gesamtbedarf  der  deutschen  Industrie
an  ausländischen  Rohstoffen  wird  auf  ungefähr  1100  Millionen  Mark  veranschlagt.
Welche  Bedeutung  die  ungehinderte  Zufuhr  dieser  Rohstoffe  für  die  deutsche  Volkswirtschaft ­
  besitzt,  geht  am  besten  daraus  hervor,  daß  die  zum  größten  Teil  auf  den  Bezug
ausländischer  Rohstoffe  angewiesene  Textilindustrie  einschließlich  der  von  ihr  abhängenden
Bekleidungsindustrie  —  die  Erwerbsthätigen  und  ihre  Angehörigen  zusammen  gerechnet ­
  —  vier  Millionen  Menschen  ernährt.  Die  Erzeugung  und  Verarbeitung  von
Leder,  für  die  die  Häuteeinfuhr  eine  Lebensfrage  ist,  ernährt  1%  Millionen  Menschen,
die  chemische  Industrie  400  000,  die  Metall-  und  Maschinenindustrie,  die  ihren  Bedarf
an  Eisen  bis  zu  %,  an  Kupfer  bis  zu  %,  an  Zinn  ganz  aus  dem  Auslande  decken
muß,  über  drei  Millionen,  die  Holzindustrie,  deren  Rohstoffe  zu  %  aus  dem  Auslande
eingeführt  werden  müssen,  über  1%  Millionen  Menschen.  Alles  in  allem  sind  rund  %
unserer  industriellen  Bevölkerung  mit  ihrer  Arbeit  von  der  Zufuhr  ausländischer  Rohstoffe ­
  abhängig,  und  die  gesamte  Warenmenge,  die  Deutschland  zur  Deckung  des  Fehlbetrages ­
  an  Nahrungsmitteln  und  Robstoffen  der  Industrie  jährlich  einführen  muß,
erreicht  einen  Gesamtwert  von  3 3 / 4 —4  Milliarden  Mark.
Zur  Deckung  der  Zahlungen  an  das  Ausland,  die  hierdurch  notwendig  werden,
steht  zunächst  die  deutsche  Mehrausfuhr  an  Fabrikaten  zur  Verfügung;  auch  sie
weist  entsprechend  der  günstigen  Entwickelung  unserer  Industrie  eine  stetige  Steigerung
auf,  doch  bleibt  diese  Steigerung  hinter  der  Zunahme  der  Nahrungsmittel-  und  Rohstoff-Einfuhr
  erheblich  zurück.  Von  1889—  1898  ist  die  deutsche  Mehrausfuhr  an  Fabrikaten
um  279  Millionen  Mark  gestiegen,  während  die  Mehreinfuhr  an  Rohstoffen  und
Nahrungsmitteln  in  demselben  Zeitraum  um  774  Millionen  Mark  in  die  Höhe  ging.
Die  Textil-  und  die  Lederindustrie  haben  sogar  einen  nicht  unbedeutenden  Rückgang  ihrer
Ausfuhr  zu  verzeichnen.  Gleichwohl  zählt  die  Textilindustrie  immer  noch  zu  den  wichtigsten ­
  deutschen  Exportindustrien,  da  ihre  Mehrausfuhr  in  Leinenwaren  5%,  in  Baumwollwaren
  IO"/,,,  in  Wollwaren  30%,  in  Posamenten  40%  und  in  Wirkwaren  sogar
57  %  der  heimischen  Erzeugung  ausmacht.  Einen  ganz  hervorragenden  Rang  nimmt
ferner  unter  den  Exportindustrien  die  Zuckerindustrie  ein,  die  mehr  als  eine  Million
Tonnen  oder  67%  ihrer  Erzeugung  ins  Ausland  führt.  An  Zement  werden  22%,  an
            
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