Ter Welthandel. 947
Majolika, Steingut und anderen keramischen Waren 23%, an Porzellan 64% der ge
samten heimischen Erzeugung im Auslande abgesetzt. Die Papierindustrie sendet 20%
ihrer Erzeugung an Zellstoff und 12 % ihrer Papierzeugung über die Grenze, un
gerechnet der Ausfuhr an Papierwaren. Von den Erzeugnissen der Maschinenindustrie
gehen 10—15%, von jenen der Eisenindustrie in einzelnen Branchen noch weit mehr
ins Ausland.*)
Im ganzen stellt sich die Bilanz zwischen Ein- und Ausfuhr des deutschen Spezial
handels im Jahre 1898 folgendermaßen:
Einfuhr Ausfuhr
Rohstoffe für Jndustriezwecke . . . 2246,8 Mill. Mark 856,4 MM. Mark
Fabrikate 1015,1 „ „ 2396,1 „ „
Nahrungs- und Genußmittel, Vieh _. 1819,1 „ „ 504,1 „ „
Zusammen 508ü,7Mill7Maü 3756,%Mill7Mark.
Es ergibt sich somit aus der Bilanz des deutschen Außenhandels ein durch die
Ausfuhr nicht gedecktes Passivum von 1324,1 Millionen Mark.
Ähnlich liegen die Verhältnisse auch in den anderen großen Industriestaaten Europas.
England hat, seitdem es die Interessen seiner Landwirtschaft der ungestörten Entwickelung
seiner Industrie zuliebe preisgegeben, eine Mehreinfuhr von 7—8 Milliarden an land
wirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen. Seine Ausfuhr hat sich noch ungünstiger
entwickelt als die deutsche; sie betrug im Jahre 1898 4767 Millionen, während sic in
früheren Jahren weit höhere Beträge ausmachte, so im Jahre 1890 5383,g Mill. Mark.
Seit fast zwei Jahrzehnten schwankt sie bhne dauernde Zunahme zwischen 4% und
5 Milliarden, dagegen nimmt die englische Einfuhr fast beständig zu, so daß das Passivum
der englischen Handelsbilanz von zwei Milliarden zu Anfang der 80 er Jahre auf drei
Milliarden im Jahre 1898 gewachsen ist. Weniger groß ist die Unterbilanz in Frank
reich, sie betrug 778,s Millionen Mark. Auch Belgien wies im Jahre 1898 einen
Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr im Betrage von 208, Holland einen solchen
von 346,2, die Schweiz von 302 Millionen Mark auf, und in allen diesen Staaten ist
das Überwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr eine andauernde Erscheinung.
Es ist klar, daß diese ständige Wiederkehr eines Fehlbetrages im Warenhandel zu
einer steigenden Verschuldung an das Ausland und schließlich zu den schwersten volks
wirtschaftlichen Krisen führen muß, wenn er nicht ans anderen Aktivposten der Volks
wirtschaft gedeckt werden kann. In erster Linie kommen hierfür die Einnahmen ans
dem Verkehrswesen in Betracht. Die Verfrachtung fremder Waren auf Eisenbahnen,
namentlich im Dnrchzugsverkehre, der Verdienst der Spediteure, insbesondere aber die
Einnahmen aus der Seeschiffahrt gehören hierher. Für das Deutsche Reich werden die
Einnahmen aus der Reederei auf den Betrag von 300 Millionen geschätzt, und auch
von dem Betriebsüberschusse der Eisenbahnen, der jährlich rund 725 Millionen Mark
beträgt, entfällt gewiß ein nicht unbeträchtlicher Teil auf die Beförderung ausländischer
Waren. Für Länder, in denen, wie z. B. in der Schweiz, der Fremdenverkehr ein be
sonders starker ist, so daß er den Verkehr der eigenen Staatsangehörigen in das Ausland
überwiegt, fallen auch die hieraus fließenden, oft nicht unbeträchtlichen Einnahmen in die
Wagschale. Auch der Gewinnüberschuß der Versicherungsgesellschaften, der allein
bei der Lebensversicherung in Deutschland schon 4% Millionen Mark beträgt, stellt einen
Aktivposten der Volkswirtschaft dar, soweit die Versicherungsgesellschaften ihre Thätigkeit
auf das Ausland erstrecken und ihr Überschuß aus ausländischen Versicherungen herrührt.
Ferner dienen der Deckung des Defizits im Warenhandel die Verdienste, welche in
ländische Kapitalisten an fremden, auf den inländischen Börsen gehandelten Wert
papieren und Anleihen und durch Operationen an fremden Börsen machen. Welche
Bedeutung diese Einnahmequelle besitzt, geht daraus hervor, daß im Jahre 1897 890,
und im Jahre 1898 2534 Millionen Mark an ausländischen Werten (dem Nominal-
*1 Vergleiche die Übersicht auf Seite 939 f.
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