Full text: Bankpolitik

45. Oer nicht organisierte Kapitalmarkt. 
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hat, mehrere Male im Jahre an den Fabriksort zu kommen, um den 
Betrieb fortlaufend zu kontrolieren. Oas Kapitalangebot ist in der 
Gegenwart überwiegend nach Branchen organisiert. Oer ältere Tgpus 
des reichen Kaufmanns, der sich an jedem Geschäft beteiligte, das ihm 
rentabel erschien, ist im verschwinden, seitdem der Effektenmarkt eine 
Sülle bequemer Anlagen zur Verfügung stellt. Oer Kapitalbesitzer 
der Gegenwart interessiert sich vorwiegend für Unternehmungszweige, 
deren Draanisation er genau kennt. Gab es noch vor zwei und drei 
Jahrzehnten nicht wenig Deutsche, die sich an Jndustrieunternehmungen 
überhaupt beteiligten, so gibt es heute fast nur Kapitalbesitzer, die sich 
entweder an der Zuckerindustrie oder der Textilindustrie oder der Bier 
brauerei beteiligen. 
Auf dem nicht organisierten Kapitalmarkt ist das Angebot demnach 
vielfach lokal begrenzt. Sehr häufig beteiligt sich ein Kapitalbesitzer 
nur an Fabriken oder Handelsunternehmungen des Bezirks, in welchem 
er wohnt, weil er nur dort die Verhältnisse kennt oder weil er außer 
halb seines Wohnsitzes nicht genügend Kontrole üben kann. Noch stärker 
äußert sich der lokale Charakter des Angebots bei Erwerb von Grund 
besitz. Ein Berliner Rentner entschließt sich nicht leicht, ein Haus in 
Hamburg zu kaufen: er kennt in Berlin jede Straße, kann einmal jede 
Woche vor seinem Haus vorübergehen — die Verhältnisse in Hamburg 
dagegen sind ihm unbekannt. Am allermeisten aber steht der Erwerb 
von ländlichem Grund und Boden, soweit es sich nicht um Großgrund 
besitz handelt, unter lokalem Angebot. 
Aus diesen Gründen kann auf dem nicht organisierten Kapitalmarkt, 
der in seinemVesen aus einer Unsumme vonEinzelmärkten besteht, eineGe- 
winnausgleichung nicht stattfinden, zumal hier bei der Wahl der Kapitalan 
lage Tradition, persönlicheNeigung und Erziehung eine starkeRolle spielen. 
Oer einzelne Kapitalbesitzer vergleicht nur ausnahmsweise die Erträge, 
die ihm ein Haus, eine Zuckerfabrik oder eine Exportgesellschaft, erbringen 
könnten. Er hat regulär schon die Absicht, ein Haus zu erwerben, und sucht 
nur im Kreise dieser Wertobjekte nach dem geeigneten Gegenstand. Oie 
Liebe zur Scholle veranlaßt in manchen Gegenden Nittel- und Gsteu- 
ropas zum Grunderwerb zu preisen, die ökonomisch allein bei Ver 
gleichung der Erträge verschiedener Anlagen sich nicht rechtfertigen 
ließen. Auch innerhalb derselben Gruppe von Kapitalanlagen findet 
kein Ausgleich der Erträgnisse statt: Nicht leicht wird ein Kapitalbesitzer 
sein Berliner Haus, das ihm 5% trägt, zu Gunsten von 3 Häusern in 
Gelsenkirchen verkaufen, auch wenn diese 7% abwerfen. Oer Berliner 
Grundbesitzer vergleicht bei der Wahl seiner Anlage den Ertrag des 
.Somary, Bankpolitik. ]4
	        
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