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65. Die Konzentration der Kreditbanken.
ziemlich weit entfernt,- aber die Anzeichen mehren sich, daß wir uns
auf dem Weg dahin befinden. Neue Banken werden nur selten ge
gründet, die großen deutschen, französischen und englischen Institute
sind ausnahmslos vor 1873 entstanden. Einer neuen Bank wäre es schwer
eine leistungsfähige Organisation aufzubauen, die mit den Großbanken
gleichen Schritt halten könnte. Die bestehenden Institute, unter denen
sich in Deutschland und Frankreich wenige Riesenunternehmungen
von den übrigen immer schärfer abheben, neigen zu gemeinsamer Fest
legung der wichtigsten Geschäftsbedingungen. Die schottischen Banken
sind bezeichnenderweise seit über einem Jahrhundert kartelliert, da die
Neuerrichtung von Banken dort unmöglich war. Die englischen Banken
haben für das reguläre Geschäft — nicht für die Kredite des offenen
Geldmarkts — formlose Uebereinkommen, an die sie sich strenge hal
ten. Die französischen Banken setzen die Bedingungen für den Privatsatz
und Reportkredit einheitlich fest. Oesterreich hat ein ausgebildetes Kon
ditionenkartell, das fast alle Zweige des regulären Bankgeschäftes um
faßt, seit einem Jahrzehnt. In Rußland ist das Bankenkartell unter
Mitwirkung der Regierung zustande gekommen. Seit Jahresfrist be
sitzen auch die Berliner Banken eine Konditionenvereinbarung für den
größten Teil des regulären Bankgeschäfts.
Einige dieser Vereinbarungen sind von den Notenbanken stark
begünstigt worden, die dadurch die Wirksamkeit ihrer Diskontpolitik
zu befestigen trachteten. Gegen übermäßige Ausnützung des Kartells
sicherte die offizielle Bankrate, die für die meisten Diskontkredite das
Maximum darstellte, und die Furcht der Banken vor Verringerung
der Inanspruchnahme. Bisher haben die Kartelle im Bankwesen ge
wöhnlich dazu geführt, daß die Konkurrenz, vom Konditionengebiet
vertrieben, sich bei der Ausmessung der Kredithöhe umso stärker fühlbar
machte,- die österreichischen und russischen Bank- und Industriebilanzen
seit Abschluß der Kartelle liefern dafür deutliche Beispiele.
weit stärker als im regulären äußert sich die Monopoltendenz im
Finanzgeschäft. Die Zahl leistungsfähiger Finanzhäuser ist außerhalb
Englands sehr gering geworden, für das Riesengebiet der vereinigten
Staaten, für Deutschland und Frankreich kommen nur ganz wenige
Firmen ernsthaft in Betracht. Mancher Staat sieht sich schon heute bei
Begebung seiner Anleihe einer einzigen Gruppe gegenüber, und in
der Union ist nicht blos von demagogischer Seite die Frage aufgeworfen
worden, ob nicht ein money trust schon gegenwärtig bestehe; sind nicht
dem Erfinder, dem Fabrikanten, dem Kaufmann, wenn er an einer
Stelle abgewiesen wird, wegen des engen Zusammenhangs der Finanz