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Eisenbahnen: Die Lokomotive.
Cylindern geleistete Arbeit möglichst gleich ausfällt, gibt man dem Niederdruckcylinder
einen größeren Durchmesser. Bei der Verbundlokomotive läßt man vorteilhaft einen höheren
Kesseldruck zu, mindestens 12 Atmosphären, vielfach schon 14 bis 15 und vereinzelt selbst
16 Atmosphären. Dazu bedarf es aber nur eines geringen Mehraufwandes an Brennstoff.
Die größte Menge desselben muß verfeuert werden, um das Wasser in die Dampfform
überzuführen. Hierdurch und durch die bessere Dampfausnutzung ist die Kohlenersparnis
bei der Verbundlokomotive begründet. Günstig wirkt hierbei besonders der
Umstand, daß das Temperaturgefälle des Dampfes, d. h. sein Wärmeunterschied zu Anfang
und zu Ende eines jeden Kolbenhubes, wesentlich geringer ist als in einer gewöhnlichen
Lokomotivmaschine, so daß weniger Dampf durch Niederschlag an den Cylinderwandungen
verloren geht. Endlich sind auch die Druckunterschiede auf beiden Kolbenseiten
und damit die Dampfverluste bei nicht tadellos abdichtenden Dampfkolben bei jener geringer.
Schon Anfang 1834 hatte der deutsche Ingenieur G. M. Röntgen, technischer Leiter der
Stromboot-Matschappij in Rotterdam, Hollands größter Maschinenfabrik und Werft, ein
französisches Patent aus die Berbundwirkung bei Dampfmaschinen genommen, in welchem es
heißt: „Dieselben Vorteile werden sich auch bei Übertragung dieser Verbundanordnung auf
die Eiscnbahnmaschinen ergeben." Eine Verwertung bei letzteren hat das Patent nicht gefunden.
Zwanzig Jahre später baute, wie Colbnrn berichtet, der Engländer Samuel die erste
Verbundlokomotive (Compoundlokomotive), mit welchem Erfolge, ist nicht bekannt. Weitere
Vorschläge zu Verbundlokomotiven wurden 1860 von dcni Engländer Kemp sowie 1866 von
dem Franzosen Jules Morandiere gemacht. Ihnen folgten verschiedene Amerikaner mit
selbständigen Entwürfen und Patenten, aber keine Verbundlokomotive wurde daraushin gebaut.
Dieses gelang zuerst Mallet. Seit Jahren hatte er sich mit der Verbund-Schiffsmaschine beschäftigt.
Im Jahre 1874 nahm er ein Patent auf eine Verbundlpkomotive, wobei er auch
die Anordnung traf, beide Dampfcylinder gleichzeitig mit frischem Kesscldampfe speisen zu
können, um so für das Anfahren und auf starken Steigungen eine größere Arbeitsleistung zu
äußern. Die ersten Malletschen Verbundlokvmotiven, drei an der Zahl, wurden 1876 von
Schneider & Co. in Creuzot (Frankreich) für die Bayonne-Biarritz-Bahn gebaut. Neben
Mallet hat sich seit 1880 um die Einführung und weitere Ausbildung dieser Lokomotivart
v. Borries in Hannover verdient gemacht, ferner Worsdell in England, Vauclain in
Nordamerika und andere Männer.
Die meisten Verbundlokomotiven finden wir znr Zeit in Deutschland und Österreich,
an zweiter Stelle kommt Amerika, während England zurückhaltender ist. Sie sind
bei richtiger Ausführung und Handhabung sparsamer im Dampf- und Kohlenverbrauch
als die Lokomotiven mit Zwillingswirkung, und die Kohlenersparnis steigt unter besonders
günstigen Verhältnissen bis auf 2O°/ 0 , was bei dem großen jährlichen Kohlenbedarf einer
Lokomotive von größter wirtschaftlicher Bedeutung ist. Die Verbundlokomotiven sind daher
namentlich auch für diejenigen Eisenbahnländer am Platze, in denen Kohle hoch im Preise
steht und andere geeignete Brennstoffe fehlen. Allerdings sind sie nur für solche Züge
zweckmäßig, die längere Strecken ohne Aufenthalt durchlaufen, wie Schnellzüge und Eilgüterzüge,
dagegen eignen sie sich nicht für gewöhnliche Güterzüge oder gar für Rangierzwecke.
Beim Anfahren arbeiten nämlich die Cylinder mit ungleicher Stärke*), was die
Anzugskraft und damit das schnelle Jngangbringen des Zuges beeinträchtigt. Lokomotiven,
die nun häufig anhalten müssen, würden bei Verbundwirkung an Fahrzeit einbüßen.
Die Preußische Staats-Eisenbahn-Verwaltung, welche zur Zeit die größte Bahnverwaltung
der Welt ist, beschafft ihre Schnellzuglokomotiven nur noch nach der Verbundanordnung,
läßt dagegen die Güterzuglokomotiven noch znm Teil nach der alten
(Zwillings-) Art bauen.
Seit etwa Mitte der 80er Jahre hat man auch dreicylindrige Verbundlokomotiven
gebaut. Webb, Leiter der großen englischen Eisenbahnwerkstätte in
Crewe (6500 Arbeiter), in der Stahl hergestellt, Schienen gewalzt, Stellwerke für
Weichen und Signale, Drehscheiben u. s. w. angefertigt, Wagenuntergeftelle und namentlich
*) Es kommt bei gewissen Kolben- bczw. Schieberstcllungen vvr, daß in den Hochdruckcylinder
kein Frischdamps eintreten kann. In diesem Falle muß der Niederdruckcylinder mit
Frischdampf von entsprechend gemindertem Drucke gespeist werden können. Dazu dient eine
besondere „Anfahrvorrichtung", die in sehr verschiedener Weise znr Ausführung gelangt ist.