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Bahnen. Der Güterverkehr, namentlich über Mlawa, war schon bald
sehr bedeutend, und in den achtziger Jahren machte man sogar den
interessanten Versuch, Getreide aus den Odessaer Magazinen über
Grajewo und Königsberg zu exportieren. Aber die russische Spur dieser
neuen Bahnen war einem durchgehenden Verkehr von Königsberg und
Danzig zum Schwarzen Meer hinderlich und ließ nicht zuletzt manche
Hoffnung unerfüllt. Noch mehr hatte man sich wohl von einer Linie
Breslau—Warschau versprochen, zumal man die Übernahme der russi
schen Strecke wenn nicht durch die deutsche Gesellschaft, so vielleicht
durch die Warschau-Wiener Bahn und hiermit die Durchführung mittel
europäischer Spur erhoffte. Schon um 1870 hatte sich die Breslau-
Warschauer Bahngesellschaft gebildet, die deutscherseits Breslau über
Oels mit dem Grenzort Wilhelmsbrück verband. Auf den Eisenbahn
karten der folgenden Zeit wird das Projekt Wilhelmsbrück—Wieruszow—
Sjerads—Lods stets eingezeichnet und ebenso das an die oberschlesische
Bahn Oppeln—Vossowska—Herby anschließende Stück nach Tschen-
stochow. Erst in den neunziger Jahren tritt an die Stelle des ersteren
die mehr nördlich von Lods und Sjerads nach Kalisch zu führende Trasse,
die im nahen Skalmierzyce Anschluß an die preußische Staatsbahn
finden sollte. Aber auch dieser Plan gebrauchte beinahe zwei Jahr
zehnte zur Ausführung. Die schon damals erörterte Verstaatlichung
und die gegnerische Stellungnahme des Staates zur mitteleuropäischen
Schienen breite bewirkten, daß die Linie entgegen den älteren Strecken
der Warschau—Wiener Bahn bis Kalisch in russischer Spur angelegt
wurde, ferner, um wenigstens eine weitere Bahn von Warschau in russi
scher Spurweite an die Westgrenze zu haben, daß von Lods aus eine
neue Linie über Lowitsch und Sochatschew nach Warschau, also etwa
parallel der alten Warschau-Wiener Bahn angelegt wurde. So ver
kehren von Kalisch zwar direkte Wagen über Warschau nach Moskau und
Baku, aber die alte Idee einer weiteren deutsch-russischen Durchgangs
linie verwirklichte sich nicht, indem nur die Grenzstadt Kalisch mit
Deutschland (Breslau, Berlin, Leipzig, Kassel) in unmittelbarer Wagen
verbindung steht. Die Geschichte der Breslau-Warschauer Bahn ist
typisch für eine Zahl anderer Bahnprojekte, die sogar teilweise überhaupt
nicht verwirklicht wurden.
Seit beinahe 30 Jahren ist in dem linksseitigen Weichselland, wenn
wir von der Linie Kalisch—Warschau, der kürzlich erfolgten Durch
führung der Bahn Herby—Tschenstochow nach Kielzi und der kurzen
Lokalbahnstrecke Piotrkow—Tarshak absehen, nichts geschehen. Das
fruchtbare, an Städten reiche Land im Warthegebiet harrt noch völlig
der Aufschließung, und ebenso hat der etwas weniger dicht bevölkerte
Strich des Radomer Weichselbogens erhebliche Verkehrslücken. Noch
immer endet seit nunmehr reichlich 30 Jahren die von Koljuschki aus
gehende Bahn, welche die strategische Linie Iwangorod—Dombrowa