498 Zweiundzwanzigstes Buch.
Deshalb sollen aber die Zeitgenossen keineswegs die
Griechen nachahmen, wie es noch Winckelmann und Lessing,
Geßner und Ernesti im Grunde gewollt hatten: nein, sie sollen
nur mit ihrer Hilfe in den Schranken ihres eigenen nationalen
Charakters zu werden suchen, was jene in denen des ihrigen
zgeworden waren: vollendete Menschen.
Hinderte nun aber diese Auffassung, daß das Griechentum
dennoch Gegenstand eines fast religiösen Kultes wurde? „Mit
heiligem Ernste“, schreibt Herder in späterer Zeit selber?,
treten wir zum Olymp hinauf und sehen Götterformen im
Menschengebilde: die Griechen theifizierten die Menschheit.“
Und selbst Goethe hat in seinen Greisenjahren, nach noch viel
enthusiastischeren Außerungen von Männern wie Wilhelm
von Humboldt und Fichte, sich wohlüberlegt in dem Satze ver—
nehmen lassen: „Wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen
und es ernstlich in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden,
so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich
zu Menschen würden.“ Wie mußte da erst der enthusiastische
Schiller in Ekstase geraten, mit welchen Augen mußte er hin⸗
schauen auf das ach! auf ewig entschwundene Reich der Antike:
Näher war der Schöpfer dem Vergnügen,
Das im Busen des Geschöpfes floß.
Nennt der meinige sich dem Verstande?
Birgt ihn etwa der Gewölke Zelt?
Mühsam späh' ich im Ideenlande,
Fruchtlos in der Sinnenwelt.
Seine höchste Höhe erreichte der Kult der Antike während
der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts eben im Zentrum
des neuen Idealismus, in den Kreisen von Jena und Weimar:
hier sog Goethe aus Nachwirkungen und Nachereignissen seiner
italienischen Reise immer erneute Begeisterung für die Alten; hier
schrieb Herder seine „Briefe zur Beförderung der Humanität“;
hier dichtete Schiller, Die Künstler“ und „Die Götter Griechen⸗
lands“, hier hat Hölderlin in seinem „Hyperion“ (1794) die
Briefe zur Beförderung der Humanität, 1793, VI, 66.