$ 27. Der Zins in der sozialistischen Gesellschaft. 235
listische Gesellschaft das entsprechende Kapital sparen. Nun kann wohl
die sozialistische Gesellschaft innerhalb gewisser Grenzen ihre Sparsam-
keit selbständig bestimmen. Sobald aber der Spargrad der Gesellschaft
feststeht, ist damit auch der Zinsfuß bestimmt, der notwendig ist, um
die Ansprüche auf Kapitaldisposition in Übereinstimmung mit dem so
festgestellten. Angebot zu bringen. Es folgt hieraus, daß der Zinsfuß
der sozialistischen Tauschwirtschaft gewissermaßen von dem Willen der
Leitung dieser Wirtschaft abhängt, insofern er nämlich vom Spargrad
abhängt. Daß die sozialistische Gesellschaft in diesem Sinne einen
gewissen Einfluß auszuüben vermag, ist eigentlich nur selbstverständ-
lich, da sie den Umfang der Spartätigkeit zu bestimmen hat. Auch
für die sozialistische Gesellschaft gilt es, daß je sparsamer ein Volk ist
je niedriger kann der Zinsfuß sein. Unter keiner denkbaren Sparsamkeit
ist es aber der sozialistischen Gesellschaft möglich, der Notwendigkeit
eines Zinses auszuweichen. Die beim Zinsfuß Null hervortretenden
Ansprüche auf Kapitaldisposition sind einfach absolut unersättlich.
Wie hat nun die Leitung der sozialistischen Tauschwirtschaft zu
verfahren, wenn sie ein bestimmtes Sparen durchsetzen will? Offenbar
muß dies dadurch geschehen, daß die Preise der Güter, die an die Kon-
sumenten übergehen, höher als die Arbeitskosten festgesetzt werden. Die
gesamten Ansprüche, welche die Konsumenten auf Grund ihrer ge-
leisteten Arbeit stellen können, vermögen dann durch einen Teil des Ge-
samtergebnisses dieser Arbeit befriedigt zu werden. Die Leitung der Wirt-
schaft behält den anderen Teil, d. h. sie ist in der Lage, Produktiv-
kräfte der Gesellschaft in gewissem Umfang auf die Produktion von
neuem Realkapital zu lenken. Die Kapitalbildung der sozialistischen
Gesellschaft besteht also in einer von der Leitung derselben durch
Preisaufschläge auf die fertigen Güter erzwungenen Unterkonsumtion
der Mitglieder der Gesellschaft und in einer dadurch ermöglichten
Freistellung von Produktivkräften für die Vermehrung des Real-
kapitals.
Die Spartätigkeit der sozialistischen Gesellschaft bedeutet somit ein
Opfer, welches den Konsumenten auferlegt wird, und es entsteht die
Frage, wieweit die Leitung der Gesellschaft in diesem ihren Anspruch
auf die Opferwilligkeit der Konsumenten gehen darf, m. a. W. wie hoch
der Spargrad gewählt werden soll. Dies ist, wie man sieht, eine für
die sozialistisch organisierte Tauschwirtschaft eigentümliche Frage.
Der Spargrad und somit das Tempo des Fortschritts wird in unserer
bestehenden Gesellschaft von der Wirtschaftsführung der ganzen Masse
von individuellen Haushaltungen bestimmt. In der sozialistischen
Gesellschaft ist die entsprechende Aufgabe in der Hand der Leitung
der Gesellschaft konzentriert. Dies ist der Unterschied. Es ist aber kaum
wahrscheinlich, daß diese Konzentration den gesellschaftlichen Spar-
willen verstärkenund somit einen niedrigeren Zinsfuß ermöglichen würde.
CC
P