Full text : Die Handelspolitik und Handelsbilanz Österreich-Ungarns

Die  Handelspolitik  und  Handelsbilanz  Österreich-Ungarns.  15

ungarische  Produktionsinteressen  geltend  machten,  wurden  allerdings ­
  beträchtliche  Erhöhungen  vorgenommen  oder  hohe  Zölle
aufrecht  erhalten.  Das  Niveau  der  Industriezölle  mußte  dann  in
den  Handelsverträgen  mehr,  als  dies  sonst  notwendig  gewesen
wäre,  ermäßigt  werden,  um  unsere  agrarischen  Forderungen  durchzusetzen. ­
  Andrerseits  hatten  wir  Erhöhungen  der  ausländischen
Industriezölle  hinzunehmen,  da  wir  auf  landwirtschaftlichem  Gebiete ­
  nur  geringe  Zugeständnisse  machen  konnten.  So  wurde  die
Einfuhr  von  Industrieartikeln,  deren  inländische  Produzenten  mit
der  erhöhten  Konkurrenzfähigkeit  vieler  ausländischer  Industrien
zu  rechnen  haben,  nicht  erschwert,  unsere  Ausfuhr  dagegen  behindert. ­
  Die  Folgen  zeigen  sich  z.  B.  in  dem  Verkehr  mit  Deutschland, ­
  dessen  Bilanz  sich  um  mehr  als  400  Millionen  zu  unseren
Ungunsten  verschoben  hat;  ebenso  charakteristisch  ist  der  Rückgang ­
  unseres  Exportes  nach  Serbien,  der  im  Jahre  1905  33  Millionen ­
  Kronen,  d.  i.  60<>/o  der  serbischen  Gesamteinfuhr  betrug,
während  wir  im  Jahre  1910  nur  18  Millionen  Kronen,  d.  i.  nicht
viel  über  20o/ 0  der  serbischen  Gesamteinfuhr,  erreichten.  Im
ganzen  ist  unsere  industrielle  Handelsbilanz  im  letzten  Dezennium
weniger  aktiv  geworden.  Dies  ist  um  so  bedenklicher,  als  wir
steigende  Summen  für  Rohstoffe  und  Nahrungsmittel  an  das  Ausland ­
  zu  zahlen  haben.  Alle  anderen  Staaten,  deren  Handelsbilanz
passiv  ist,  weisen  ein  steigendes  Aktivum  im  Verkehr  mit  Industrieartikeln ­
  auf.  Die  passive  Bilanz  ist  das  Anzeichen  der
Entwicklung  zum  Industriestaat.  Bei  uns  aber  tritt  das  Passivum
der  ganzen  Bilanz  gleichzeitig  mit  der  Verringerung  des  Aktivums
der  Industriebilanz  auf.  Dies  ist  neben  den  bei  den  Rohstoffen
schon  erwähnten  Momenten  die  wichtigste  Ursache  des  so  plötzlichen ­
  und  starken  Anwachsens  unseres  Passivums.
4.
Schwierig  ist  die  Beantwortung  der  Frage,  welchen  Einfluß
die  Veränderungen  unserer  Handelsbilanz  auf  unsere  Zahlungsbilanz ­
  üben.  Nach  den  Berechnungen  des  Finanzministeriums 10 )
gestaltete  sich  die  Zahlungsbilanz  Österreich-Ungarns  im  Durchschnitt ­
  der  Jahre  1892  bis  1901  in  folgender  Weise:  Saldo  der
durch  die  Effektenbesitzverhältnisse  bedingten  internationalen

10 )  Tabellen  zur  Währungs-Statistik,  verfaßt  im  k.  k.  Finanzministerium,
zweite  Ausgabe,  zweiter  Teil,  drittes  Heft  „Daten  zur  Zahlungsbilanz“,  Wien  1904.
            
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