Weitere musikalische und literarische Übergänge. 348
blieben. Es handelte sich dabei vor allem um die Vorschriften
über die Nachahmung der Natur: wie Gottsched, so hielten
auch die Schweizer trotz aller Anerkennung der Rechte und
Freiheiten der Phantasie noch daran fest, daß die Dichtung in
der Nachahmung der Natur bestehe. Ja noch näher traten sich
in gewissem Sinne beide Parteien dadurch, daß ihnen Nach—
ahmung der Natur und Nachahmung der Alten schließlich als
ziemlich identisch erschienen; und erst in der Frage: was denn
den Inhalt der nachzuahmenden Antike ausmache, gingen sie
einigermaßen auseinander. Gottsched hielt hier an der franzö—
sischen Auffassung der Antike fest, wie sie vor allem aus den
Römern entwickelt worden war; die Schweizer schwärmten für
Hellas.
Dabei war allerdings der schweizerische Standpunkt nicht
sonderlich klar. Denn im Grunde waren ihnen die Griechen
nur Surrogat und Hilfsmittel für die eigene, dem subjektiven
Leben zustrebende Erkenntnis der Natur; und sie waren somit
Freunde und Geburtshelfer der hellenischen Renaissance nur
insofern, als diese etwa derjenigen Ansicht der Welt und der
Natur entsprach, der sie dunkel mit eigenen Mitteln zu—
trebten.
Allein, so konnte man wohl sagen, war das nicht zu jeder
Zeit das tiefste Verhältnis der Anhänger von Renaissancen zu
ihrem vergötterten historischen Ideale?
Lagen hier im Grunde Unklarheiten vor, wie sie später
in immer stärkeren Emanzipationsbestrebungen gegenüber den
Ansprüchen der hellenischen Renaissance auf ein Selbstrecht
wirklichen Daseins zutage getreten sind, so gaben die Gegen—
sätze und Übereinstimmungen, die in dem Kampfe zwischen
den Schweizern und Gottsched zutage traten, keineswegs die
einzigen großen Entwicklungsmotive der deutschen Dichtung um
das Jahr 1740 ab.
Vor allem die Überlieferung der eigenen Rokokodichtung
wirkte da noch nach, und in ihr keiner ihrer Vertreter mehr,
als der muntere Lebemann an der Alster, Friedrich von Hage—
dorn. Auf dem scheinbar unzerstörbaren Grunde der horazischen