Vorwort des Herausgebers
Das vorliegende Buch, das ich mir zur hohen Ehre schätze, bei
den deutschen Lesern einführen zu dürfen, soll eine Lücke füllen,
die der Fachmann und namentlich der akademische Lehrer seit langer
Zeit schmerzlich empfindet. Wir besitzen keine zureichende moderne
Geschichte der natioualökonomi sehen Doktrinen in deutscher Sprache,
und doch brauchen wir sie dringend. Wir befinden uns in einer Ära
des ständig steigenden Interesses für die ökonomische Theorie, der
sich unsere jungen Kräfte immer leidenschaftlicher zu wenden, ge
drängt von der Notwendigkeit, das heute schon fast unübersehbare
Material erst einmal gedanklich zu bewältigen, das die Historiker
und ihre Anhänger in Darstellungen zur Wirtschaftsgeschichte und
in statistischen und anderen Untersuchungen unserer Gegenwart
niedergelegt haben. Da nun, nach Goethe, „die Geschichte einer
Wissenschaft die Wissenschaft selbst ist“, tut uns eine Geschichte
der Doktrinen bitter not.
Was wir besitzen, ist entweder völlig veraltet oder allzu sum
marisch oder allzu einseitig — oder das alles zusammen. Das ver
dienstvolle Buch von Julius Kautz 1 ), das man immernoch in einigen
Kapiteln, z. B. in denen über die mittelalterlich-kanonische Wirtschafts
theorie, mit Vorteil studieren kann, ist 1860 (!) erschienen, drei Jahre
vor dem „Kapital“, eine Ewigkeit vor Karl Menger’s ersten Arbeiten.
Nicht ganz so hoffnungslos veraltet ist H. Eisenhart’s „Geschichte
der Nationalökonomie“ 2 ), aber auch sie ist alt genug und hatte auch
auf der Höhe ihrer Aktualität kaum mehr gegeben, als eine kraft
volle Skizze der Hauptrichtungen. Das dritte bekannte Lehrbuch
deutschen Ursprungs ist Eugen Dueheing’s „Geschichte der National-
1) Die geschichtliche Entwicklung der Nationalökonomie und ihrer Literatur.
Wien 1860.
2 ) Jena 1882, 2. Auflage 1891, Neudruck 1901.