Kapitel IV. Die Anarchisten.
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1895 gegründet. Sie ist seitdem immer kleiner geworden. Der Ein
fluß des Anarchismus ist deshalb nicht verschwunden, nur drückt er
sieh jetzt in anderer Weise aus. Man hat — hauptsächlich in Frank
reich — viele alte Anarchisten in die Arbeitergewerkschaften ein-
dringen und zuweilen sogar die Leitung der Gewerkschaftsbewegung
übernehmen sehen. Unter ihrem Einfluß versucht man — in der
Gewerkschaft — mehr und mehr, sich von der Vorherrschaft der
sozialistischen Partei zu befreien. Die Confederation Generale du
Travail hat zwei Worte als Devise angenommen, die man überall in
den anarchistischen Schriften beieinander findet: „Wohlstand und
Freiheit“. Sie predigt die „Selbsthilfe“ (l’Action directe), nämlich die
von der öffentlichen Macht unabhängige, revolutionäre Taktik . . .
Ferner betont sie die Gleichgültigkeit gegenüber der Politik und das
Aufgehen der Arbeiter im rein wirtschaftlichen Kampf.
Was die Theoretiker des revolutionären Syndikalismus anlangt,
so verwerfen sie heute jedes Kompromiß mit dem Anarchismus.
Trotz ihrer Proteste ist es aber nicht schwer, zwischen ihren Ideen
und denen eines Bakunin und Keopotkxn zahlreiche Analogien nach
zuweisen. Übrigens sind sie ebenso sehr von Peoudhon, wie von
Maua inspiriert und, wie wir gesehen haben, liegen auch den anar
chistischen Lehren die Gedanken Peoudhon’s zugrunde!
Zunächst ähneln sie sich durch ihre Auffassung der Gewalt als
des Mittels zur Erneuerung und Reinigung des sozialen Lebens.
„Der Gewalt verdankt der Sozialismus“, sagt Soeel, „die hohen
moralischen Werte, auf Grund deren er der modernen Welt das Heil
bringt“ 1 ). Ebenso ist für die Anarchisten die Revolution das Ge
witter, das die drückende Atmosphäre der Sommertage reinigt und
den Himmel von neuem klar und freundlich erglänzen lassen wird.
Kroi'otkin ruft zur Revolution auf, nicht nur um die wirtschaftliche
Ordnung umzustürzen, sondern auch, „um die Gesellschaft in ihrem
intellektuellen und moralischen Leben aufzurütteln, aus ihrem Stumpf
sinn aufzuwecken, die Sitten zu erneuern und inmitten der niedrigen
und kleinlichen Leidenschaften des Augenblicks das belebende Feuer
edler Leidenschaftlichkeit, begeisterter Hotfnungsfreude und warm
herziger Aufopferung aufflammen zu lassen“
In zweiter Linie finden sich die moralischen Gedanken, die der
Philosophie M »«v vollständig fehlen, bei Soeel und den Anarchisten
in gleichem Grade wieder. Wir haben gesehen, wie Bakunin,
Keopotkin und besonders Peoudhon von jedem Individuum besonders
die „Achtung des Menschen“ fordern, durch die es selbst erst der
!) Reflexions sur la violence, S. 253.
2 ) Paroles d’un Revolte, S. 17—18.