Postwesen int Mittelalter. 749
gehender Wirkung. Andere Kaiser mißbrauchten die Einrichtung in unerhörter Weise.
So schickte Konstantin in einem Kriege gegen die Perser ein ganzes Heer mit der Post,
auch ließ er durch sie zahlreiche Geistliche zum Besuche der vielen Synoden und Konzilien
befördern. Eine so außerordentliche Inanspruchnahme der Transportmittel legte natürlich
den Gemeinden wieder vermehrte Opfer ans, da die vom Staate unterhaltenen Gespanne
und Wagen zu so umfangreichen Leistungen völlig unzureichend waren und die notwendige
Ergänzung derselben den Gemeinden oblag, welche dafür keinerlei Entschädigung empfingen.
Julian verminderte die Lasten der mit Vorspann geplagten Gemeinden von neuem, und
Theodosius brachte das römische Postwesen, welches sich ungefähr über 100 Provinzen,
von London bis zur Parthergrenze und von der Donaumündung bis an die Meerenge
von Gades erstreckte, auf den eigentlichen Höhepunkt. Das ursprünglich 15 lex wiegende
Felleisen der Kuriere wuchs nach Einführung der Reitsessel auf 50 kg, eine Kalesche
durfte höchstens mit 100, ein Eilwagen mit 500 und ein gewöhnlicher Postwagen mit
750 kg Gepäck beladen werden. Die Aufsicht über die den Stationen vorstehenden Post
halter führten in den einzelnen Provinzen die Prokonsuln oder auch eigens eingesetzte
Postinspektoren, und das gewöhnliche Personal bildeten die Schirrmeister, sowie die Stall
und Reitknechte, zu denen sich noch die Posttierärzte und Briefboten gesellten. Tie Habsucht
und die Bestechlichkeit der für die Zwecke des Postdienstes eingesetzten Beamten gaben
später zu allerlei Mißbräuchen, Bedrückungen und Erpressungen Anlaß. Das Postwesen
kam dadurch in argen Verruf und wurde von den Bewohnern der Provinzen nur als
eine Landplage angesehen. Mit der Auflösung des römischen Reichs und in der jahr
hundertelang andauernden Unsicherheit gingen auch die postalischen Einrichtungen der
vormaligen Herren der Alten Welt zu Grunde.
Das Po st wesen im Mittelalter. Die Völkerwanderung und die mit ihr herein
brechende Zeit der Umwälzung der Staatengebilde waren nicht geeignet, der Entwickelung
und Ausbreitung des Postwesens Vorschub zu leisten. Ihre zerstörenden Wirkungen machten
sich vielmehr auch auf dem Gebiete des Verkehrslebens in dem Maße geltend, daß sie bei
nahe jede Spur der ehedem bestandenen desfallsigen Einrichtungen verwischten. Erst nach
Jahrhunderten, als die Völker sich wieder an feste Wohnsitze gewöhnt hatten, trat das
Bedürfnis zur Errichtung von Verkehrsanstalten von neuem hervor. So ließ Karl der
Große, um sich mit den einzelnen Teilen seines weit ausgedehnten Reiches in Verbindung
zu setzen, Postkurse einrichten, die von Frankreich nach Spanien, Italien und Deutschland
führten. Es fehlt uns jedoch an näheren Nachrichten über diese Postanlagen.
Unter den späteren deutschen Kaisern ist jahrhundertelang behufs Unterhaltung von
Straßen und Schaffung von Verkehrserleichterungsmitteln von Reichswegen so gut wie
nichts geschehen. Es ist überhaupt eine in der Zerfahrenheit der politischen und gesellschaft
lichen Zustände begründete eigentümliche Erscheinung jener Zeit, daß die Bestrebungen
zur Herstellung von Verkehrseinrichtungen nicht, wie im Altertum und besonders in der
Neuzeit, vorzugsweise von den Staaten, sondern von einzelnen Körperschaften, Städten,
Stiften, Klöstern rc. ausgingen. In erster Reihe waren es die Klöster, damals beinahe
die einzigen Stätten geistiger Bildung, welche das Bedürfnis empfanden, sowohl unter
einander als auch mit Rom in Verkehr zu treten und dauernde Beziehungen zu unterhalten.
Zur Befriedigung dieses Bedürfnisses bedienten sie sich der Pilger, Mönche oder Kloster
diener als Boten. Später, als Universitäten entstanden, errichteten diese besondere
Botenanstalten in der Absicht, zwischen den Lehrern der verschiedenen Hochschulen den
Austausch von Ideen zu erleichtern und zugleich den Studierenden Gelegenheit zu bieten,
Nachrichten in ihre Heimat gelangen zu lassen und in umgekehrter Richtung von ihren
Angehörigen Briefe, Gelder und sonstige Gegenstände zu beziehen. Diese Universitäts
botenanstalten gewannen allmählich eine große Ausdehnung, so daß sie in vielen Fällen
behufs Fortschaffung der ihnen anvertrauten Sachen Pferde und auch wohl Wagen zu
verwenden genötigt waren und sich alsdann auch mit der Beförderung von Personen be
faßten. Bon diesen Botenanstalten war diejenige der Pariser Universität die bei weitem
bedeutendste. Die Boten waren kräftige, zuverlässige Leute, die mancherlei Privilegien