Vorgeschichte
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jedes einzelnen auf Unterstützung vertritt Huet die hauptsäch
lichsten Postulate der klassischen Schule : freie Konkurrenz,
Freihandel, Nichteinmischung des Staates ins Wirtschaftsleben.
Dagegen appelliert er an das sozialpolitische Wirken der Kirche.
Christus habe die Kranken geheilt, darum soll der katholische
Klerus den Armen und Schwachen helfen, auch die Güter dieser
Erde zu erwerben 1 ). Ja noch weit mehr. Diese Tätigkeit des
Klerus soll sich zum sozialen Ausbau der christlichen Religion
ausgestalten. Denn erst dann wird sie den Absichten ihres
Stifters, der Welt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu
bringen, entsprechen. „Ein neuer Geist wird, von der Religion
ausgehend, die soziale Ordnung erneuern und, von dieser zurück
sich wendend, die Religion umgestalten. Dann wird endlich der
Tag anbrechen, wo der Klerus sich zum sozialen Katholizismus
bekehrt; wo die Kirche in einer Gesellschaft, die sie selbst und
für sich selbst geschaffen haben wird, sich voll verwirklichen
kann, wie sie es noch nie und nirgends gekonnt; und wo die
Glorie Jesu Christi, des Lehrers des Menschengeschlechtes, in
unvergleichlichem Glanze erstrahlen wird“ 2 ).
Bei seinem Erscheinen fand Huets Buch wenig Beachtung.
Schon waren die Verbindungsbrücken zwischen Katholizismus
und Sozialismus abgeschlagen. Das zweite Kaiserreich verstand
*) Huet, Règne social du christianisme, p. 230—232. Vgl. Rambaud, loc.
eit. p. 699—700.
2 ) Huet, loc. cit. p. 410. Vgl. dazu auch folgenden Passus: „Ich habe
im Lichte der neu angebrochenen Zeiten über die Sendung des Welterlösers
nachgedacht; ich habe den sozialen Lehrgehalt des Christentums in den hl.
Büchern erforscht: und, indem ich das, was von Menschen kommt, entfernte,
um mich nur an das zu halten, was von Gott kommt, fand ich klar, daß die
Erlösung durch das Christentum nicht nur darin besteht, durch die Kirche Seelen
für den Himmel zu gewinnen, sondern auch hienieden eine freie und brüderliche,
bürgerliche Gesellschaft zu errichten, diejenige nämlich, welche die von ihren
Auswüchsen gereinigte Revolution zum Siege führen muß. Ich habe ebenfalls
die verschiedenen, mit dem Worte: Sozialismus bezeichneten Lehren, welche
unsere Zeit so tief aufgewühlt haben, mit unparteiischem Eifer durchforscht . . .
Wieder wurde es mir klar, nachdem ich ausgeschieden hatte, was von den
Leidenschaften und der Unwissenheit kommt, und mich an das hielt, was aus
der allgemeinen, geistigen Bewegung folgt und was der Volksinstinkt annimmt,
daß jene Befreiungsgedanken, welche man als eine neue Offenbarung verkündet,
entweder die Lehre des Evangeliums getreu widerspiegeln, oder eine Folge der
selben sind.“ Huet, ibid. p. 3—4.