Full text : Ernährungswirtschaftliche Gegenwartsprobleme in Österreich

Doktoren  als  Allheilmittel  ocrschriebene  Purgativ  des  frexeu  Spiels
der  Kräfte  so  cjut  aushalten  würde,  wie  seinerzeit  die  Melker  Buben!
Es  werden,  wenn  immer  wieder  der  freien  Wirtschaft  das  Wort
geredet  wird,  auch  die  Erfahrungen  der  Geschichte  übersehen,  welche
zeigt,  daß  die  Wirtschaft  nach  Zusammenbrüchen,  die  nicht  die
Größe  unseres  Zusamnienbruches  aufweisen,  einer  langjährigen
Regeneration  bedurften  (dreißigjähriger  Krieg,  Napoleonischen  Kriege),
cs  wird  übersehen,  daß  die  Vorkriegszeit  im  Zeichen  der  Überproduktion, ­
  somit  im  Zeichen  der  Entwertung  der  Ware  gegenüber
dem  Werte  des  Geldes  stand,  die  Verhältnisse  sich  somit  ins  Gegenteil
gewendet  haben,  es  wird  übersehen,  daß  die  Freiheit  der  Wirtschaft
vor  dem  Kriege,  allerdings  ans  anderen  Gründen,  oft  schon  recht  ausgiebig ­
  beengt  war.  Schon  in  der  Vorkriegszeit  zeigte  sich  ein  Zug  des
Ansschaltens  des  uneingeschränkten  Spieles  der  Kräfte,  der  sich  einerseits ­
  in  der  Zusammenfassung  der  wirtschaftlich  tätigen  Kräfte  in
Kartellen,  Syndikaten  u.  dgl.,  andererseits  in  der  Gründung  von
Organisationen  des  Kleinhandels  gegen  die  Übermacht  des  Großhandels,
schließlich  in  der  Bildung  von  Konsnmentenorganisativncn  geltend
machte.  Auch  die  Gesetzgebung  und  Verwaltung  wies  bereits  vielfach
Spuren  der  Organisation,  stellenweise  der  Ausschaltung  des  freien
Handels  ans,  die  das  freie  Spiel  der  Kräfte  nicht  bedingungslos  als
berechtigt  anerkannte.*)

*)  Wenn  man  die  Protokolle  der  interministeriellen  Konferenz  vom
Jähre  1911  zur  Bekämpfung  der-Teuerung  durchlieft,  findet  man  dort  eine
Reihe  von  Vorschlägen,  die  auf  eine  Einschränkung  und  Kontrolle  der  freien
Wirtschaft  und  der  Tätigkeit  des  freien  Handels  hinausliefen.  So  wurde  zum
Beispiel  als  eine  Maßnahme  gegen  die  zunehmende  Teuerung  der  Ankauf  von
Lebensmitteln  durch  die  Gemeinde  und  unmittelbare  Abgabe  an  die  Konsumenten
und  Detailhändler  vorgeschlagen.  Das  war  schon  im  Jahre  1911!  In  einem  cm
die  Konferenz  erstatteten  Referate  des  damaligen  Ackerbauministeriums  wurde  die
Teuerung  des  Fleisches  (Rindfleisch  kostete  damals  Vorderes  Kronen  1  20  bis
1'90,  Hinteres  Kronen  T40  bis  2*40!)  zum  Teil  aus  die  Tätigkeit  eines  nicht
notwendigen  Zwischenhandels  zurückgeführt  und  die  Einrichtung  eines  direkten
Verkehres  der  Produzentenorganisationen  mit  den  Konsumentenorganisationen  in
Verbindung  mit  Großschlächtereiunternehmungen,  in  Aussicht  genommen.  In
ähnlicher  Weise  wurden  zur  Behebung  der  Mißstände  bei  der  Versorgung  mit
Eiern,  Kartoffeln,  Gemüse  usw.,  staatliche  Übernahmsstellen  in  Anregung
gebracht,  die  die  Ware  vom  Produzenten  übernehmen  und  mit  der  Verpflichtung
zum  Weiterverkaufe  zu  Maximalpreisen  air  den  Detailhandel  abgeben  sollten.
Die  Zwangswirtschaft  des  Krieges  hat  sich  also  nicht  so  unvermittelt  an  die
Vorkriegszeit  angeschlossen.
            
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