EINLEITUNG.
Es wäre durchaus möglich, das Problem des Anlernens und Ein-
übens von der theoretischen Seite anzupacken, um deduktiv zu einem
idealen Lehrplan zu kommen. Dieser Weg führt jedoch nicht zu prak-
tisch befriedigenden Resultaten. Dagegen zeitigt der umgekehrte Weg,
der auf dem Boden der Erfahrung verbleibt und mit Hilfe des psycho-
logischen Experiments vorwärts kommt, gute Ergebnisse.
Man unterscheidet heute nach der Art des Anlernens verschiedene
Kategorien von Arbeitenden: Handlanger, Angelernte und Gelernte.
Diese Kategorien sind bekanntlich mehr durch den Umfang der zu
erwerbenden Kenntnisse und Fertigkeiten, als durch die psychologischen
Vorgänge beim Anlernen und die daraus sich ergebenden Methoden
voneinander verschieden. Der Lehrling muß während der Lehrzeit alle
Seiten eines Berufes kennenlernen, so daß diese sich in der Regel auf
mehrere Jahre erstreckt. Der Angelernte dagegen wird nur für eine be-
stimmte Arbeitsfunktion, beispielsweise für die Bedienung ihm anver-
Irauter Maschinen ausgebildet, so daß er in viel kürzerer Zeit angelernt
sein kann. Die psychologischen Vorgänge beim Anlernen werden aber
in beiden Fällen nahe, jedenfalls im Prinzip die gleichen sein. Neue,
noch unbekannte Arbeiten appellieren an die natürlichen Fähigkeiten
des Lernenden. Er muß verstehen, was man von ihm will, und muß die
Arbeitsbewegungen lernen, einüben und trainieren. Was für das Lernen
des Lehrlings psychologisch wichtig ist, ist auch für den, der nur zu
einer bestimmten Arbeit angelernt werden soll, in gleichem Maße wich-
tig und umgekehrt. Die psychologische Seite des Problems ist überall
und in allen Betrieben dieselbe und daher von aligemeinem Interesse.
Wir werden deshalb auch in der Folge keinen prinzipiellen Unterschied
Zwischen Angelernten und Gelernten machen. Unter Anlernen ver-
Stehen wir ganz allgemein den «Prozeß der Erwerbung neuer Kenntnisse
und des Einübens neuer Fertigkeiten».
Wenn wir zuerst nach dem Ziel des Anlernens fragen, so ergibt
Sich wohl folgendes Postulat: «Durch das Erlernen einer Arbeitstätigkeit
Soll -es dem Einzelnen möglich gemacht werden, seine natürlichen kör-
Perlichen und geistigen Fähigkeiten nutzbringender anwenden zu kön-
nen, als er es von Natur aus könnte.»
Wie natürlich und unangefochten dieser Zweck auch sein dürfte,
oO glauben bei der jetzigen sozialen Einstellung doch viele, daß diese
Ertüchtigung vor allem dem Arbeitgeber auf Kosten des Arbeitnehmers
Zugute komme.