Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

146 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Marius Nizolius. 
Komplex von Aussagen einen Teil, der in ihm enthalten ist, her- 
auszugreifen und abzusondern. Nicht ein sachlicher, deduktiver 
Uebergang vom Allgemeinen zum Einzelnen, sondern nur eine 
übersichtliche Auseinanderlegung und Einteilung des Einzelnen 
selbst (multorum singularium in partes diductio) findet hier statt. 74) 
Die Vorzüge, wie die Mängel dieser Begriffstheorie hat Leibniz, in 
der Vorrede zu seiner Ausgabe des Nizolius, scharf und eindring- 
lich bezeichnet. Was er an Nizolius schätzt und hervorhebt, das 
ist die Klarheit, mit der er jeden Versuch, die „allgemeine“ Form 
des Denkens unmittelbar in eine Form der Existenz zu über- 
setzen, beseitigt hat. Aber dieses Ergebnis vermag hier nur auf 
Grund einer Voraussetzung gewonnen zu werden, die das Denken 
selbst in seiner Reinheit verdächtigt und in seiner echten Uni- 
versalität bedroht. Wenn der Begriff sich in ein Aggregat, in 
ein „totum discretum“ einzelner Erfahrungsurteile auflöst, wenn 
somit dem Gedanken keine andere Leistung übrig hleibt, als 
Resultate, die auf anderer Grundlage gewonnen worden, zusammen- 
zustellen und durch die Einheit eines Namens äusserlich zu 
verbinden: so verliert damit gerade die Einzelbeobachtung, die 
man sichern wollte, ihren festen Halt und ihre Bedeutung. Denn 
was sich aus ihr ergibt, bleibt nunmehr ein in sich beziehungs- 
loses Ganze, das durch jede neue Tatsache aufgehoben und ent- 
wertet werden kann. Auch die echte Induktion, aus der die 
relative Allgemeinheit der Erfahrungsbegriffe gewonnen wird, be- 
schränkt sich nicht auf die Sammlung und das Nebeneinander 
sinnlicher Eindrücke, sondern muss ihre letzten Stützpunkte und 
Maximen in der Vernunft selbst suchen. Diese „adminicula 
rationis“ — wie Leibniz sie nennt — sind es, die in der Theorie 
des Nizolius übersehen und ausgeschaltet werden: das Verständnis 
und die Anerkennung des immanenten Vernunfigebrauchs wird 
auch bei ihm durch den Kampf gegen die Hypostasierungen 
des Begriffs gehemmt. (Vgl. ob. S. 129.) — 
Dass er indes bis zu diesem Punkte fortschreiten muss, er- 
klärt sich wiederum aus der inneren sachlichen Struktur der 
Lehre, die er bekämpft. So rückhaltlos und unerbittlich die Ab- 
wendung von der Scholastik sich hier zu vollziehen scheint: in 
Wahrheit haben wir es dennoch mit einer Krisis innerhalb des 
Aristotelismus selbst zu tun. Der Begriff der Erkenntnis
	        
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