40 Prof. Dr. Moldenhauer:
zu einer gewaltigen Klassenpartei sollte den wirtschaftlichen Um-
schwung bringen, wie Karl Marx sagt; „Die Expropriation der Expro-
priateure‘, die Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
durch die sozialistische, die Ersetzung des Privateigentums, wenigstens
desjenigen an den Produktionsmitteln, durch das Gemeineigentum,
Diese Auffassung ist für die Stellung der Sozialdemokratie maßgebend,
Wo die sozialistische Partei zur vollkommenen Herrschaft gelangt, wie
in Rußland, versucht sie, dementsprechend das Wirtschaftsleben zu ge-
stalten. Freilich auch der Bolschewismus hat vor den Gesetzen der
Wirtschaft haltmachen müssen. Er hat wohl die Bauernbefreiung ge-
bracht, aber das Privateigentum und den Privatbetrieb in der Land-
wirtschaft nicht aufheben können, Er hat sich genötigt gesehen, wenig-
stens in bescheidenem Umfang den privaten Handel als Binnenhandel
zuzulassen, während der Handel mit dem Ausland Staatssache geblieben
ist. Da, wo die sozialistische Partei nicht die alleinherrschende ist,
sondern mit bürgerlichen Parteien sich in die Herrschaft teilen muß,
wird sie versuchen, etappenweise ihr Ziel zu erreichen. In Deutschland
hat die Sozialdemokratie am zähesten an der Aufrechterhaltung der
Zwangswirtschaft festgehalten, weil sie ihrem Wirtschaftsideal am
besten entsprach; sie hat die Sozialisierung des Bergbaus und der Elek-
trizitätswirtschaft einzuleiten versucht, ohne dies Ziel zu erreichen. Wo
immer es sich um einen Eingriff des Staates handelt, befürwortet sie ihn,
während sie entsprechend ihrer internationalen Einstellung im zwi-
schenstaatlichen Verkehr Anhänger des Freihandels ist, Auch deshalb
ist sie das, weil sie die kurzsichtige Konsumentenauffassung vertritt,
daß den breiten Massen am besten mit einem durch keinen Zollschutz
verteuerten Hereinströmen der Lebensmittel, der Rohstoffe und Fabri-
kate gedient sei, Sie steht unter dem Bann der Ansicht, daß Schutzzoll
die Lebenshaltung verteuert, ohne die Frage aufzuwerfen, ob nicht
wichtiger die Aufrechterhaltung der nationalen Wirtschaft ist. Auf dem
Gebiet der Sozialpolitik redet die Sozialdemokratische Partei jedem
Eingriff in den Arbeitsvertrag das Wort, während sie auf der anderen
Seite die Macht der Gewerkschaften in jeder Weise zu fördern be-
strebt ist. Auf dem Gebiet der Steuerpolitik kämpft sie gegen die in-
direkten Steuern, wenn sie auch in den Zeiten, wo sie in der Regierung
sitzt, sich der Notwendigkeit derartiger Steuern nicht verschließt, Das
klassische Beispiel hierfür ist die Zustimmung der Sozialdemukratie zur
Einführung der rohesten und den Massenverbrauch besonders belasten-
den Umsatzsteuern,
Viel schwerer als bei der Sozialdemokratie ist bei den bürger-
lichen Parteien aus ihrer Grundanschauung ihre Stellung zur Wirt-
schaft zu folgern. Wenn eine Partei wie das Zentrum auf einer religi-
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