Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

168 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
der nicht zum geringsten die äußerlich unglückliche Entwicklung 
der Nation in der napoleonischen Zeit zur Last fällt. Frei— 
lich: indem Preußen infolge der Irrungen seiner inneren und 
äußeren Politik den schwersten Prüfungen unterlag, wurde es 
doch zugleich auch gestärkt und jenen Reformen der Stein— 
Hardenbergschen Zeit zugetrieben, die es erst völlig geeignet 
gemacht haben, der führende deutsche Staat des 19. Jahr— 
hunderts zu werden, während sterreich eine auch nur an— 
nähernd ähnliche Wandlung seiner inneren Politik nicht er— 
lebt hat. 
Wollen wir aber den Verlauf der äußeren politischen Be— 
ziehungen zwischen Preußen und sterreich bis etwa zum Jahre 
1806 verstehen, so wird es notwendig, zunächst mit wenigen 
Worten etwas weiter auf die Ausbildung der staatlichen 
Eigentümlichkeiten Osterreichs und Vreußens überhaupt zurück— 
zukommen. 
Hsterreich war als Territorium des Mittelalters schon 
früh innerhalb der deutschen Fürstentümer überaus selbständig 
geworden; als Markherzogtum war es von manchem Reichs— 
dienst befreit und damit besonderen Möglichkeiten innerer Ent— 
wicklung zugeführt worden. Es waren Umstände, welche die 
Habsburger des 13. und 14. Zahrhunderts, zumeist kräftige 
Fürsten und in entscheidender Zeit mehrfach zugleich Könige, 
besonders stark ausbeuteten. Und schon sie entwickelten auf 
Grund dieser besonderen Lage auch eine besondere außerdeutsche 
Politik. Sie galt, soweit sie organisch hervortrat, besonders 
Italien und der Adria. Triest wurde gewonnen, die Lom— 
bardei namentlich im Osten zur Einflußsphäre entwickelt; da⸗ 
mit ging eine immer wieder auftauchende Gegnerschaft gegen 
Venedig Hand in Hand, den Hauptnebenbuhler zur See wie 
auf der Terra ferma: noch Kaiser Marimilian J. hat sie 
besonders beschäftigt. So tief wurzeln, so weit zurück reichen 
die Herrschaftsneigungen Österreichs gegenüber der italienischen 
Nachbarschaft. 
Aber seit der Türkengefahr, von der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts ab, erwuchsen dem Lande nicht minder
	        
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