fullscreen: Die deutsche Wirtschaft

Die angewandten Naturwissenschaften im Dienste der Wirtschaft, 253 
Ungerechtigkeit abzutun? Die physikalischen Methoden haben 
diesen Sieg endgültig errungen und Klarheit geschaffen. Messung 
und Wägung bis ins kleinste läßt Qualität und Quantität feststellen. 
Es ist bezeichnend, daß in einem Fragebogen, den die amerikanischen 
Ingenieure für die Beurteilung der Rationalisierung ihrer Industrie auf- 
gestellt haben, die Frage steht: Haben Sie ein Versuchs- und Prüfungs- 
laboratorium? Denn nicht allein Gerechtigkeit schaffen diese Prüfungs- 
methoden, sondern es ist für die rationelle Produktion eine Grund- 
bedingung, daß sie sich auf die Eigenschaften der gelieferten Rohstoffe 
verlassen kann, Nichts hat die deutsche Industrie im eigentlichen 
Produktionsbereich so sehr außer Rand und Band gebracht als die 
Unzuverlässigkeit in der Materialqualität während der In- 
flation, Firmen, die sie rechtzeitig feststellen konnten, waren wenig- 
stens in der Lage, entweder den Betrieb einzustellen oder auf schlech- 
tere Qualität umzustellen, manche aber merkten erst im Verlauf der 
Produktion, nachdem eine Menge Aufwand vertan war, daß das Er- 
zeugnis mit diesen Rohstoffen mißlingen mußte. 
Auf die Güteprüfung folgt die Güteschaffung, Die Wichtigkeit 
der Zuverlässigkeit führt insbesondere dazu, das „organisch Ge- 
wachsene” durch das anorganisch „Künstliche“ zu 
ersetzen. Das natürliche Wachstum kennt Launen und Willkürlich- 
keiten. Wir wissen nicht, ob im Baumstamm eine verborgene Wachs- 
tumstörung die Zugkraft gerade der Faser zerstört hat, auf deren 
Leistung wir unsere Berechnung gegründet haben; wir wissen nicht, 
ob der Stein, auf dessen Tragkraft wir uns verlassen, im Innern einen 
Hohlraum aufweist. Die Technik aber hat uns gelehrt, anorganische 
Stoffe zu verwenden und dazu noch ihnen diejenige Leistung zuzu- 
weisen, für die sie besonders geeignet sind, Wir stellen z. B. eine 
künstliche Betonmischung her, auf deren Verhalten wir uns sicherer 
veriassen können als auf den Sandsteinquader und in dessen Her- 
stellung wir die summierten Erfahrungen legen. Wir stellen als Ersatz 
für Holz Eisenbetonbalken her und weisen die Druckkräfte dem Beton 
zu, die Zugkräfte dagegen dem Eisen, deren beider Leistungsfähigkeit 
wir uns leichter versichern können als der des Holzes, ja wir sind in 
der Lage, damit die Materialgüte und damit — wirtschaftlich so 
wichtig — die Kosten den Anforderungen anzupassen. 
Mancher Leser, der in dem Thema die Darstellung der äußeren 
Großtaten der Technik erwartete, welche sie der Wirtschaft leistete, 
wird von den bisherigen Entwicklungen der inneren denkmäßigen Be- 
ziehungen enttäuscht sein. Er wird sagen: Nicht die gewöhnliche, 
laufende, alltägliche Dienstleistung der angewandten Naturwissenschaft 
ist es, die uns packt, sondern es ist die qualitative Erweiterung des
	        
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