Wertmaßstäbe der Konsumtion.
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§ 4
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ins Rollen gekommen sein. Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft steht dieser
massenpsychologische Prozeß in enger Wechselwirkung. Die Verbreitung des wirt
schaftlich betätigten Auszeichnungstriebs und der Geldwirtschaft wirkt andererseits
revolutionierend auf die gesellschaftliche Schichtung zurück, verdrängt die herge
brachte Scheidung der Stände nach Geburt und Beruf durch eine Scheidung der
Klassen nach der Aufwandsfähigkeit, wirkt belebend auf den wirtschaftlichen Fort
schritt, und dieser, eine verfeinerte Lebenshaltung ermöglichend, stachelt wieder
den Auszeichnungs- oder Rivalitätstrieb zu leidenschaftlichem Wetteifer an. Indem
die gesteigerte Norm der Lebenshaltung auch diejenigen Volksschichten, die noch
unter der Herrschaft des Anerkennungstriebes geblieben sind, zur Anspannung
aller wirtschaftlichen Kräfte zwingt >), wird eine allgemeine Fortschrittsbewegung
ausgelöst, die aus sich heraus eine Art von volkswirtschaftlichem Enthusiasmus
erzeugt. Nicht ganz mit Unrecht hat man daher den Erwerbstrieb eine
Unterart des Auszeichnungstriebs genannt 2 ), weil die Rivalität in der Ausgaben
steigerung, daneben auch in der Gewinnung von finanziellem Einfluß, wenigstens
eine Hauptquelle des modernen Erwerbstriebs, jedoch neben andern Quellen 3 ) ist.
Durch diese geschichtliche Wandlung des Anerkennungs- in den Auszeichnungs
trieb wird auch die bekannte Erscheinung 4 ) verständlich, daß in älterer Zeit (und
bei Völkern oder Volksschichten ohne entwickelten sozialen Ehrgeiz noch jetzt)
Steigerung des Einkommens zum Faulenzen oder Blaumachen führt, während sie
vom modernen Arbeiter unter Anregung des Arbeitseifers gern in Aufwendungen,
für bessere Lebenshaltung umgesetzt wird, den sozialen Aufstieg innerhalb der
Arbeiterklasse vermittelt.
Die unmittelbare, naive Aeußerung des wirtschaftlichen Auszeichnungstriebs,
Von dem Kleinkrieg zwischen Anerkennungs- und Auszeichnungestrieb gibt Pastor
Gailwitz aus zwei großen Industriedörfern bei Nordhausen eine anschauliche Schilderung
(in der Zeitschrift „Evangelisch-sozial“, Mai 1910): „Der Fabrikarbeiter hat Angst, etwas
Besonderes zu sein und von dem, was seine Genossen tun, abzuweichen. Es ist ihm unerträg
lich, wenn über ihn gelacht und gestichelt wird. . . Die Wohnungen sind nach demselben Typus
gebaut. In einem Hause wohnen 4 bis 5 Familien, bei der Ernährung herrscht eine mehr als
kasernenmäßige Eintönigkeit . . . Dieselbe Gleichförmigkeit herrscht in der Mode. Im vorigen
Jahre erschienen einige Konfirmandinnen in breitrandigen roten Wollhüten, in 2 Monaten
war das so allgemeine Sitte geworden, daß höchstens 3—4 der Allerärmsten ohne diese Kopf
zierde geblieben waren. Der einzelne erträgt es nicht, etwas anderes zu sein als die andern.
Damit steht der Einzelne unter einem harten Gesetz der Menschenknechtschaft. Er hat nicht
die Kraft in sich, anders zu sein als die Genossen ... Das fühlt jeder Einzelne instinktiv, und
darum ist er mißtrauisch und feindselig gegen den Genossen, der zuerst eine neue Mode auf
bringt oder etwas Besonderes sein will. Die andern werden dadurch gezwungen, das nachzu
machen und in der Regel über ihre Verhältnisse Geld auszugeben. Wenn die Frau eines Ge
nossen ein neues Kleid erhält oder die Tochter einen neuen Hut, so gibt es wochenlang bei
den Nachbarn unzufriedene Gesichter, heftige Worte, ja Tränen, bis der soziale Ausgleich ge
schlossen ist und Mutter und Kind in denselben Moden wie jene einherstolzieren können.“
2 ) Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, 1. Aufl. S. 32.
3 ) Solche Quellen sind: Aussicht auf hochverzinsliche Anlage des Erworbenen, zuneh
mende Rechtssicherheit, abstrakte Freude am Erwerb oder am Uebervorteilen, und überhaupt
die Psychologie des „rechenhaften“ kapitalistischen Plustriebs, auch des modernen Geschäfts
sinns, von der spießbürgerlichen „Freude am guten jährlichen Geschäftsabschluß“ (Schmoller)
bis zum schönen Größenwahnsinn der Milliardäre. In einigen dieser Faktoren liegt eine Art
von objektivierender Umbiegung des egoistischen Erwerbstriebs, so in der freiwilligen und
freudigen Dienstbarkeit gegenüber einem fingierten Selbstzwecke des Kapitals oder der Firma
(vergleichbar dem Pflichtbewußtsein des Familiengutsbesitzers oder des Beamten oder des
Weltverbesserers). Damit hängt zusammen, daß der Uebergang von der alten Bedarfsdek-
kungswirtschaft“ in die „Erwerbswirtschaft“, wie man dieAera des Erwerbstriebs bezeichnet
hat, keineswegs immer mit einer entsprechenden Ausgabensteigerung Hand in Hand geht;
hat es doch auch starke kapitalistische Strömungen in Verbindung mit puritanisch einfacher
Lebenshaltung gegeben. Es muß darum in der Konsumtionslehre genügen, die Theorie des
Erwerbstriebs und der Erwerbswirtschaft statt Bedarfsdeckungswirtschaft kurz zu be
rühren.
4 ) Vgl. Brentano, Ueber das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeits
leistung. 2. Aufl., Leipzig 1893.
Sozialökonomik. II. 8