Wertmaßstäbe der Konsumtion.
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§ 4
solchem Demonstrationsaufwande *) ist der ganze Umkreis unserer Lebenshaltung
mehr durchsetzt, als wir uns bewußt sind; von den verschwenderischen Gesellschafts
ausgaben und der „guten kalten“ Stube, die dem Mittelstände die Wohnung in so
unverantwortlicher Weise verteuert, bis zu den Launen der Sonntagskleidung und
unter Umständen selbst manchen Bestandteilen der täglichen Nahrung. Unzählige
Renommiergüter teilen dieses Schicksal der Konventionsheirat mit einem zahlungs
fähigen, aber sonst wenig interessierten Konsumenten; ihr Hauptzweck ist die Do-
kumentierung der Zahlungsfähigkeit, und die moderne Uniformierung der Preise
erleichtert die Kontrolle. Natürlich kann die erstrebte Nutzwirkung dieser sozialen
Opferwilligkeit in den Schornstein fahren in dem Maße, wie die Lebenshaltung einer
sozialen Gruppe schließlich auf der ganzen Linie gesteigert wird, der Rivalitätsauf
wand Einzelner zum konventionellen Aufwande Aller wird; eine Schraube ohne
Ende. Wo dagegen die alte ständische Sitte sich in Resten noch erhält, wie etwa in
der kleidsamen und billigen, aber auch anspruchslosen Blousentracht des franzö
sischen Arbeiters, spart die Volkswirtschaft an Rivalitätskosten * 2 ). Der Auszeich
nungstrieb strebt beständig den Kreis der konventionellen Bedürfnisse zu erweitern.
Wir kommen damit zu dem viel erörterten Begriffe des Luxus.
Im strengsten Sinne ist jede Konsumtion Luxus, die über den Existenzbedarf
hinausgeht. Allein die soziale Rivalität hat längst die physiologischen Mindest
bedürfnisse durch konventionelle Anforderungen gesteigert, die das Existenzmini
mum für jede soziale Gruppe differenzieren. Nennen wir Luxus nur denjenigen
Konsum, der dieses soziale Mindestmaß jeder Gruppe überschreitet, so erscheint
natürlich der einen sozialen Gruppe von ihrem Standpunkte als („relativer“) Luxus,
was zum sozialen Notbedarfe der andern gehört. „Absoluter“ Luxus ist dann nur,
was über den traditionellen Bedarf der jeweilig anspruchsvollsten sozialen Konsu
mentenschicht hinausgeht; „individueller“ und „relativer“ Luxus, was den her
kömmlichen Bedarf der eigenen sozialen Gruppe des Konsumenten überschreitet,
was nicht dem sozialen Anerkennungstriebe, sondern dem weitergehenden Aus
zeichnungstriebe dient. Aber weniger dieser Doppelsinn des Begriffs, als die Ver
schiedenheit der Standpunkte hat das Werturteil über den Luxus schwanken lassen.
Auch den relativen Luxus mag der mittelalterliche Moralist oder der Vertreter des
Naturalismus (16.—18. Jahrhundert) unter ethischen Gesichtspunkten, der mo
dernere Volkswirt als Hemmnis der Kapitalbildung und als faux frais der sozialen
Rivalität, zeitweise auch als eine Gefahr für die Handelsbilanz des Landes schelten;
während andererseits jeder noch so maßlose „absolute“ oder „relative“ Luxus Gnade
finden kann sowohl in den Augen des grundsätzlichen Verehrers äußerlich meß
barer Kultur, wie des rationalistischen Volkswirts, der mit scharfer aber schiefer
Logik jeden Luxus preist, der „Geld unter die Leute bringt“; als ob das Geld bei
produktiver statt luxuriös konsumtiver Verwendung nicht ebenso unter die Leute
käme und wahrscheinlich sogar eine beständigere Verdienstgelegenheit böte, als die
launische Luxusnachfrage vermag. Nur dem Sonderinteresse des Kapitalgewinns
ist die Luxuskonsumtion günstig, weil sie die jährliche Ersparnis verkleinert und da
mit das Angebot von Leihkapital vermindert 3 ).
Eine besonders scharfe Ausprägung findet die konventionelle Bedürfnissteigerung
in der Mode 4 ). Mode ist eine Zeitströmung, die massenpsychologisch bestimmte
x ) Von diesem ehrgeizigen Aufwande ist zu unterscheiden der auch der Demonstration
dienende spekulative Aufwand des kreditbedürftigen Geschäftsmanns und des Vaters
heiratsfähiger Töchter.
! ) Lexis in Schönbergs Handbuch I 4 795, Anm. 14.
3 ) Lexis, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 1910, S. 220.
") Vgl. u. a. S o m b a r t 1902, II 327 f. Rasch, Das Eibenstocker Stickereigewerbe
unter der Einwirkung der Mode, 35. Ergänzungsheft der Zeitschrift für die gesamte Staats
wissenschaft, Tübingen 1910. Tröltsch, Volkswirtschaftliche Betrachtungen über die
Mode, Marburg 1912. Weitere Literatur bei A. Elster, Wirtschaft und Mode, Jahrbücher
für Nationalökonomie und Statistik, August 1913.
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