Wertmaßstäbe der Konsumtion.
115
§ 4
solchem Demonstrationsaufwande *) ist der ganze Umkreis unserer Lebenshaltung
mehr durchsetzt, als wir uns bewußt sind; von den verschwenderischen Gesellschaftsausgaben
und der „guten kalten“ Stube, die dem Mittelstände die Wohnung in so
unverantwortlicher Weise verteuert, bis zu den Launen der Sonntagskleidung und
unter Umständen selbst manchen Bestandteilen der täglichen Nahrung. Unzählige
Renommiergüter teilen dieses Schicksal der Konventionsheirat mit einem zahlungsfähigen,
aber sonst wenig interessierten Konsumenten; ihr Hauptzweck ist die Dokumentierung
der Zahlungsfähigkeit, und die moderne Uniformierung der Preise
erleichtert die Kontrolle. Natürlich kann die erstrebte Nutzwirkung dieser sozialen
Opferwilligkeit in den Schornstein fahren in dem Maße, wie die Lebenshaltung einer
sozialen Gruppe schließlich auf der ganzen Linie gesteigert wird, der Rivalitätsaufwand
Einzelner zum konventionellen Aufwande Aller wird; eine Schraube ohne
Ende. Wo dagegen die alte ständische Sitte sich in Resten noch erhält, wie etwa in
der kleidsamen und billigen, aber auch anspruchslosen Blousentracht des französischen
Arbeiters, spart die Volkswirtschaft an Rivalitätskosten * 2 ). Der Auszeichnungstrieb
strebt beständig den Kreis der konventionellen Bedürfnisse zu erweitern.
Wir kommen damit zu dem viel erörterten Begriffe des Luxus.
Im strengsten Sinne ist jede Konsumtion Luxus, die über den Existenzbedarf
hinausgeht. Allein die soziale Rivalität hat längst die physiologischen Mindestbedürfnisse
durch konventionelle Anforderungen gesteigert, die das Existenzminimum
für jede soziale Gruppe differenzieren. Nennen wir Luxus nur denjenigen
Konsum, der dieses soziale Mindestmaß jeder Gruppe überschreitet, so erscheint
natürlich der einen sozialen Gruppe von ihrem Standpunkte als („relativer“) Luxus,
was zum sozialen Notbedarfe der andern gehört. „Absoluter“ Luxus ist dann nur,
was über den traditionellen Bedarf der jeweilig anspruchsvollsten sozialen Konsumentenschicht
hinausgeht; „individueller“ und „relativer“ Luxus, was den herkömmlichen
Bedarf der eigenen sozialen Gruppe des Konsumenten überschreitet,
was nicht dem sozialen Anerkennungstriebe, sondern dem weitergehenden Auszeichnungstriebe
dient. Aber weniger dieser Doppelsinn des Begriffs, als die Verschiedenheit
der Standpunkte hat das Werturteil über den Luxus schwanken lassen.
Auch den relativen Luxus mag der mittelalterliche Moralist oder der Vertreter des
Naturalismus (16.—18. Jahrhundert) unter ethischen Gesichtspunkten, der modernere
Volkswirt als Hemmnis der Kapitalbildung und als faux frais der sozialen
Rivalität, zeitweise auch als eine Gefahr für die Handelsbilanz des Landes schelten;
während andererseits jeder noch so maßlose „absolute“ oder „relative“ Luxus Gnade
finden kann sowohl in den Augen des grundsätzlichen Verehrers äußerlich meßbarer
Kultur, wie des rationalistischen Volkswirts, der mit scharfer aber schiefer
Logik jeden Luxus preist, der „Geld unter die Leute bringt“; als ob das Geld bei
produktiver statt luxuriös konsumtiver Verwendung nicht ebenso unter die Leute
käme und wahrscheinlich sogar eine beständigere Verdienstgelegenheit böte, als die
launische Luxusnachfrage vermag. Nur dem Sonderinteresse des Kapitalgewinns
ist die Luxuskonsumtion günstig, weil sie die jährliche Ersparnis verkleinert und damit
das Angebot von Leihkapital vermindert 3 ).
Eine besonders scharfe Ausprägung findet die konventionelle Bedürfnissteigerung
in der Mode 4 ). Mode ist eine Zeitströmung, die massenpsychologisch bestimmte
x ) Von diesem ehrgeizigen Aufwande ist zu unterscheiden der auch der Demonstration
dienende spekulative Aufwand des kreditbedürftigen Geschäftsmanns und des Vaters
heiratsfähiger Töchter.
! ) Lexis in Schönbergs Handbuch I 4 795, Anm. 14.
3 ) Lexis, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 1910, S. 220.
") Vgl. u. a. S o m b a r t 1902, II 327 f. Rasch, Das Eibenstocker Stickereigewerbe
unter der Einwirkung der Mode, 35. Ergänzungsheft der Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft,
Tübingen 1910. Tröltsch, Volkswirtschaftliche Betrachtungen über die
Mode, Marburg 1912. Weitere Literatur bei A. Elster, Wirtschaft und Mode, Jahrbücher
für Nationalökonomie und Statistik, August 1913.
8*