Full text : Die Konsumtion

116  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  4
Sorten  von  Gütern,  namentlich  von  Gebrauchsgütern  bevorzugt.  Wohl  paßt  sie
sich  allgemeinen  Kulturströmungen,  z.  B.  naturalistischen  in  der  Kleidung,  in  großen
Zeiträumen  an;  aber  ihr  Charakteristikum  ist  gerade  der  strenge  Zwang  eines  grundsätzlichen ­
  Wechsels  der  Konsumtion  in  kurzen  Zeiträumen.  Es  wäre  falsch,  die
Wurzel  der  Mode  nur  in  einem  Abwechslungsbedürfnis  des  Menschen  zu  suchen.
Beim  isolierten  Bobinson  würde  das  Abwechslungsbedürfnis  solche  Blüten  nicht
treiben.  Auch  der  Hinzutritt  der  Gefallsucht  zu  den  Bobinsonschen  Motiven  würde
noch  nicht  unsere  Mode  erklären.  Vielmehr  entspricht  der  abrupte  Modewechsel
auch  dem  Interesse  des  Handels  an  immer  neuer  Nachfrage;  und  zugleich  will  der
Modewechsel  denjenigen  Konsumenten  mit  einer  gesellschaftlichen  Prämie  auszeichnen, ­
  der  dem-  Gebot  konventioneller  Ausgaben  am  willfährigsten  folgt,  unter
Preisgabe  von  noch  nicht  abgenutzten  Gebrauchsgütern,  die  von  einer  oft  blinden
Mode  außer  Kurs  gesetzt  worden  sind.  Er  ist  ein  scharfes  Kontrollmittel  zur  öffentlichen ­
  Kennzeichnung  des  Konsumenten,  der  seinen  noch  „guten“  Hut  der  vorjährigen ­
  Saison  im  zweiten  Jahre  zu  tragen  versucht.  Die  frühere  Stabilität  der
konventionell  gebotenen  Lebenshaltung  schlägt  in  ihr  Gegenteil  um;  Tracht  und
Mode  sind  Gegensätze.  Eine  Art  Selbsthilfe  des  Konsumenten  gegen  kostspielige
Modetorheiten  ist  die  Bevorzugung  billiger,  geringwertiger  und  namentlich  nicht
dauerhafter  Ware,  deren  Verbreitung  mit  der  Mode  eng  zusammenhängt 1 ).
Man  wird  verstehen,  warum  unter  solchen  Umständen  die  Mode  auch  auf  die
Form  der  Produktion  zurückwirken  muß.  Die  Mode  fordert  einerseits  billige  Massenproduktion, ­
  also  großindustrielle  Produktionsform,  und  lebt  schon  aus  diesem  Grunde
mit  der  Großindustrie  auf,  findet  auch  in  den  Warenhäusern  Sukkurs.  Aber  zugleich
scheut  sie  die  Fabrik,  die  mit  ihrem  fixen  Kapital  dem  unbeständigen  Modebedarf
nur  mit  schwerem  Zinsverlust  dienen  kann.  Die  eigenste  Domäne  der  Modewarenproduktion ­
  ist  darum  die  Hausindustrie,  die  im  Klein-  und  Handbetrieb
mit  wenig  fixem  Kapital  doch  an  der  Billigkeit  großindustrieller  Massenproduktion
einigermaßen  Teil  hat.  Die  Beweglichkeit  der  Hausindustrie  und  die  verschärfte
Konkurrenz  ihrer  Kleinbetriebe  fördert  wieder  die  Beweglichkeit  der  Mode;  während
andererseits,  je  mehr  die  Modeproduktion  aus  technischen  Gründen  in  die  Sphäre
der  Fabrik  übergreift,  der  drohende  Verlust  am  fixen  Kapital  den  Modewechsel  in
gewissen  technischen  Schranken  zu  halten  strebt 2 ).
Die  Unbeständigkeit,  die  aller  Luxusindustrie  eigen  ist,  erreicht  in  der  Modeindustrie ­
  ihren  Höhepunkt.  Das  Bisiko  dieser  Unbeständigkeit  wird  aber  gerade
in  der  hausindustriellen  Betriebsform  großenteils  auf  den  Arbeiter  abgewälzt;  seine
Beschäftigung  wird  unregelmäßig;  aber  im  Preis  der  Ware  kommt  dieses  vom  Arbeiter
getragene  Risiko  nicht  zum  Ausdruck  und  braucht  darum  den  kaufenden  Konsumenten ­
  nicht  zu  kümmern;  es  bedarf  erst  einer  sozialen  Aufklärungsarbeit,  wie  sie
von  den  sozialen  Käuferligen  geübt  werden  soll,  um  die  Nachfrage  hier  und  in  andern
Punkten  von  sozialen  Rücksichten  beeinflussen  zu  lassen.  Schließlich  müssen  Armenpflege ­
  und  Arbeitslosenversicherung  einen  Teil  des  Schadens  decken.
Die  Neuzeit  beschleunigt  das  Tempo  des  Modewechsels,  erstreckt  ihren  Machtbereich ­
  auf  immer  mehr  Güterarten  und  ermöglicht  durch  vollkommenere  Verkehrsmittel, ­
  z.  B.  Modezeitungen,  ihre  internationale  Egalisierung,  neben  der  es  aber  an
der  Tendenz  zu  nationalen  Sondermoden  nicht  fehlt.  Im  einzelnen  nimmt  der
Konsument  auf  die  Richtung  der  Mode  von  heute  auf  morgen  wenig  Einfluß;  ihm
liegt  ja  an  der  Qualität  der  Modewaren  oft  weniger  als  an  ihrer  augenfälligen  Neuheit; ­
  so  halten  Produktion  und  Handel  die  Zügel  im  wesentlichen  in  der  Hand.  Daß
ihre  vom  Konsumenten  mangelhaft  kontrollierte  Direktion  in  der  verzweifelten
Suche  nach  effektvoller  Neuheit  die  kostbare  Kaufkraft  der  Konsumenten  oft  genug
in  den  unwahrscheinlichsten  Geschmacksverirrungen  vergeudet,  ist  eine  Frucht
dieser  Kulturblüte.  Ein  Glück,  wenn  eine  aufstrebende  Künstlerschule  mit  ihren
x )  Vgl.  Bücher,  die  Entstehung  der  Volkswirtschaft,  2.  Aufl.,  S.  177.
*)  R  a  s  c  h  ,  S.  86  f.
            
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