Full text : Die Konsumtion

128  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  5

Mühlen  gab,  bekamen  die  einheimischen  Landarbeiter  trotz  ihrer  niedrigen  Lebenshaltung ­
  das  sehr  billige  Fleisch  dreimal  täglich  nach  Belieben,  über  *  3 / 4  kg  täglich,
gebraten  und  gekocht,  mit  etwas  Schiffszwieback  und  Reis  oder  Nudeln;  nur  bei
starker  Arbeit  hielt  man  als  Leckerbissen  eine  Zugabe  von  Mais  in  Milch  gekocht
für  nötig,  um  die  Leute  arbeitsfähig  zu  erhalten  *).  Es  ist  die  natürliche  Entwicklung, ­
  daß  mit  zunehmender  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  der  Fleischkonsum  zurücktritt ­
  zugunsten  der  Vegetabilien,  die  nicht  so  viel  Bodenfläche  für  die  Ernährung
einer  gegebenen  Zahl  Menschen  erfordern.  Im  dicht  besiedelten  China  ist  der  Fleischkonsum ­
  minimal.  Der  früher  in  Deutschland  hohe  Fleischkonsum  ging  vom  16.
bis  ins  19.  Jahrhundert  zurück,  besonders  auf  dem  Lande,  als  das  Fleisch  bei  wachsender ­
  Bevölkerung  knapper  wurde.  Gleich  andern  Ländern  sind  seitdem  auch  die
Vereinigten  Staaten  in  diese  Rückgangsperiode  eingetreten,  allerdings  unter  dem
mitwirkenden  Einfluß  ihres  Exports;  nach  Wilsons  Berechnung  sank  dort  der  Verbrauch ­
  pro  Kopf  von  1840—1900  von  100  auf  59%  2 ).  Dagegen  sehen  wir  im  westlichen ­
  Europa  während  der  letzten  Menschenalter  trotz  hoher  und  steigender  Preise
'eine  schnelle  und  stetige  Verbrauchszunahme,  und  zwar  diese  parallel  mit  dem
Wachstum  der  Städte  und  Großstädte  und  hauptsächlich  in  den  Städten  und  Industriegebieten. ­
  So  stieg  nach  E  ß  1  e  n  3 )  im  heutigen  Gebiet  des  Deutschen  Reichs
1816  4 )  bis  1911  der  Fleischverbrauch  pro  Kopf  von  13,6  auf  48,5  kg,  am  schnellsten
in  den  90er  Jahren.  Großstädter  essen  mehr  Fleisch  als  Kleinstädter.  In  Sachsen
war  z.  B.  1875  der  Verbrauch  an  Rind-  und  Schweinefleisch  pro  Kopf  auf  dem  Lande
und  in  den  kleinen  Städten  23,3  kg,  in  den  Mittelstädten  34  kg,  in  Chemnitz  42,8  kg,
in  Dresden  51,9  kg,  in  Leipzig  81,9  kg.  Auf  die  Gründe  des  höheren  städtischen
Fleischverbrauchs  kommen  wir  zurück.
Der  heutige  Fleischverbrauch  pro  Kopf  wird  für  Australien  und  Neuseeland
auf  weit  über  100  kg,  für  die  Vereinigten  Staaten  noch  auf  84  kg 5  * ),  für  Argentinien  8 ).
auf  etwas  weniger,  für  Großbritannien  mit  Irland,  für  Frankreich  und  für  das  Deutsche ­
  Reich  auf  einige  50  kg,  für  andere  westeuropäische  Staaten  auf  30—40  kg,  für
Schweden,  Holland,  Spanien,  Rußland  und  namentlich  Italien  auf  noch  weniger
berechnet;  Italien  bis  zu  13%  kg  herab.  Diese  Zahlen  sind  allerdings  nicht  so  zuverlässig ­
  und  nicht  so  gleichmäßig  berechnet,  daß  man  sie  getrost  vergleichen  kann.
Am  genauesten  ist  wohl  die  englische  und  die  deutsche  Berechnung.  Und  doch
dürfte  selbst  für  Deutschland  die  amtliche  Berechnung  von  mehr  als  50  kg  zu  hoch
greifen.  Nach  B  a  11  o  d 7 )  ist  das  Schlachtgewicht  der  verzehrten  Tiere  um  etwa
10%  überschätzt;  die  relativ  zuverlässige  sächsische  Statistik  führt  auch  auf  einen
um  mehrere  Kilogramme  kleineren  Konsum,  obwohl  der  industrielle  Sachse  doch
wohl  mehr  Fleisch  konsumiert  als  der  Deutsche  im  Durchschnitt;  und  die  privaten
Haushaltsrechnungen  städtischer  Familien,  von  denen  der  nächste  Paragraph  berichten ­
  wird,  zeigen  noch  sehr  viel  kleinere  Konsumtionszahlen  pro  Kopf;  eine  der
Aufklärung  bedürftige  Differenz,  die  übrigens  auch  bei  andern  Artikeln  (Zucker,

*)  Max  Weber  im  Deutschen  Wochenblatt,  11.  Januar  1894.  Vgl.  Rubner  1903,
S.  443:  „Den  Menschen  durch  alleinige  Fleischzufuhr  voll  und  ganz  zu  ernähren,  ist  bis
jetzt  nicht  geglückt.  Es  liegt  der  Grund  nicht  etwa  an  der  ungenügenden  Resorption  des
Eiweißes,  als  vielmehr  an  dem  Unvermögen,  die  notwendige  Fleischmenge  zu  kauen.“  (Ernährung ­
  mit  Hackfleisch  müßte  danach  doch  möglich  sein.)
®)  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  Bd.  39,  S.  366.
3 )  Fleischversorgung,  S.  242  f.
4 )  In  der  Kriegszeit  1802—16  war  aber  die  Fleischproduktion  gesunken:  in  Preußen  von
155  auf  144  Millionen  kg.  Ferner  ist  für  1816  die  Schlachtung  von  Pferde-  und  Ziegenfleisch,
sowie  ein  etwaiger  Ueberschuß  der  Fleischeinfuhr  über  die  Ausfuhr  nicht  berücksichtigt;  für
1911  machen  aber  diese  drei  Posten  zusammen  nicht  viel  über  1  kg  aus.
5 )  Nach  B  a  11  o  d  ,  Grundriß  der  Statistik,  1913,  S.  125  nur  67  kg.
*)  Nach  B  a  11  o  d  a.  a.  O.  S.  126  würde  auch  in  Argentinien  (und  Südbrasilien)  nicht
weniger  als  in  Australien  pro  Kopf  verzehrt.
7 )  Vgl.  Zahns  Sammelwerk:  Die  Statistik  in  Deutschland,  II  614.  (Auch  desselben
Verfassers  Aufsatz  in  der  Zeitschrift  „Verwaltung  und  Statistik“,  Dezember  1912,  S.  360  f.)
            
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