138 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 6
einem Haushalt, dessen Jahresausgabe 1894—-1908 von 6600 auf 12 500 Mark stieg,
die auf die Personeneinheit berechnete absolute Nahrungsausgabe trotz der Teue
rung sogar zurückging x ). Am ehesten wird man von frei gewählter Kost da sprechen
können, wo einem reichlichen Einkommen ein Vermögen zur Seite steht, auf das un
bedenklich zurückgegriffen wird, um das Einkommen zu ergänzen. Es empfiehlt
sich schon aus diesem Grunde, mit den Wirtschaftsrechnungen eine Uebersicht des
Vermögens der wirtschaftenden Familien zu verbinden 1 2 ).
In welchem Maße gesellschaftliche Standespflichten die
Ausgabequoten verschieben, zeigt folgende Tabelle der Reichsenquete, die zwischen
Arbeiter- und Beamtenfamilien unterscheidet. Die auf Beamtenfamilien bezüglichen
Zahlen sind eingeklammert.
Vom Hundert der Ausgaben entfallen auf
Gesamtausgabe
Nahrung
Wohnung
Heizung
Beleuchtung
Kleidung
Sonstiges
unter 2000 M.
53,0 (43,1)
17,4 (18,8)
4,5 (6,7)
10,4 (13,9)
14,7 (17,5)
2000—3000 M.
50,3 (39,2)
16,7 (19,3)
3,8 (4,2)
£12,2 (14,7)
17,0 (22,6)
über 3000 M.
Kopfzahl
53,4 (35,0)
13,9 (19,1)
4,1 (3,5)
14,1 (14,4)
14,5 (28,0)
2—4
50,0 (34,8)
18,3 (20,9)
4,4 (3,8)
10,6 (14,4)
16,7 (26,1)
5—6
53,1 (37,9)
16,4 (17,9)
4,2 (3,9)
11,3 (14,4)
15,0 (25,9)
7—11
56,4 (39,1)
14,3 (16,8)
4,0 (3,8)
12,4 (14,7)
12,9 (25,6)
Die kleinere Wohnungsausgabe der Arbeiter fällt doppelt auf, weil die Arbeiter
mehr in Großstädten, die Beamten mehr in kleineren Orten wohnten.
Die Pflege der Haushaltungsstatistik ist auch für den Staat
als Fiskus (vgl. § 10) und als Arbeitgeber wichtig. Jede Erhöhung der Beamten
gehälter oder Arbeiterlöhne, die mit der Teuerung begründet wird, sollte einer solchen
statistischen Grundlage nicht entbehren. Noch dringender wäre das Bedürfnis bei
staatssozialistischer Regelung des Arbeitslohns in privaten Unternehmungen, und
für nicht staatliche Einigungsämter zur Regulierung des Arbeitslohns. Der Na
tionalökonom würde mit einer ausgebildeten Haushaltungsstatistik gern auch die
Preisstatistik und die Einsicht in örtliche und zeitliche Verschiedenheiten des Geld
werts verfeinern. Ob auch der Geschäftsmann, wie Kestner 3 ) meint, aus ihr
Anregungen entnehmen wird, um die Ausdehnungsfähigkeit im Verbrauch seiner
Produkte in einzelnen Käufergruppen durch Vergleichung mit dem Durchschnitts
verbrauch abzuschätzen, ist mir zweifelhaft,
1 ) 3. Sonderheft des Reichsarbeitsblatts, S. 19.
2 ) Soweit das Vermögen in Gebrauchsgegenständen besteht, erfordern deren Anschaf
fungskosten und Abnutzungsquoten selbstverständlich in der Wirtschaftsrechnung genaue
Berücksichtigung. Dabei sind vor allem die Anschaffungen der Vorjahre zu beachten. Ist
z. B. im Anfang des Jahres 1908 für 200 Mark Tischwäsche gekauft worden, die 10 Jahre lang
vorhält, so ist jedes der Jahre 1908—1917 mit 20 Mark und einem Zinsenzuschlag zu belasten
Die im Anschaffungsjahr außerdem ausgelegten 180 Mark sind als Vermögensanlage anzusehen;
werden sie hier als reelle Ausgabe gebucht und erscheinen nachher noch einmal als Abnutzungs
quoten, so liegt Doppelanschreibung vor. In praxi ist diese minutiöse, namentlich von Schnap
per-Arndt gepflegte Berechnung aber meist zu umständlich.
Zum Teil hängt es mit fehlerhafter Buchführung über solches Gebrauchsvermögen zu
sammen, daß sehr viele Wirtschaftsrechnungen mit Defizits abschließen, denen Wirt
schaftsrechnungen mit Ueberschuß gegenüberstehen. Ein andrer Teil der Defizitfälle er
klärt sich aber daraus, daß vom baren Kapital gezehrt worden ist, und der amtliche Kommen
tator der Reichserhebung (S. 18*) hat unrecht, wenn er es als auffällig bezeichnet, daß gerade
auf den höheren Einkommensstufen die Fehlbeträge häufig sind.
3 ) S. 346 f.