146 1. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7
waffe in der wirtschaftlichen Rivalität der Rassen. Der unlängst verstorbene Marburger
Anatom Disse, der lange in Japan doziert hat, teilte mir jedoch mit, daß er als
erster Europäer hunderte japanischer Leichen seziert und die durchschnittliche Darmlänge
sogar etwas unterhalb der europäischen Norm gefunden habe. Auch die unverhältnismäßige
Länge des Oberkörpers, die der Japaner dank seinen angeblich überlebensgroßen
Verdauungswerkzeugen mit wilden Völkern teilen soll, wurde von Disse in
Abrede gestellt. Die älteren anatomischen Nachrichten aus Japan stammen bloß
von Missionaren. In altchinesischen Lehrbüchern der Anatomie finden sich übrigens
noch phantastischere Angaben über die Größe des Magens und Darms 1 ). Moderne
Experimente haben ergeben, daß der japanische Darm den Reis nicht besser ausnutzt,
als der europäische 2 ). Die Japaner können eben als Bauernvolk überwiegend vegetarisch
leben, aber auch in Japan finden wir den Gegensatz zwischen ländlicher und
städtischer Ernährung wieder 3 ). Eine Verschiedenheit der Verdauungsorgane in
Stadt und Land ist bisher überhaupt noch nicht nachgewiesen, allerdings aber auch
diese Frage nach experimentellen Bemühungen, die kein entscheidendes Resultat
ergaben, noch nicht abschließend beantwortet worden 4 ).
Andere Physiologen suchten dem Tatbestände durch die Annahme gerecht zu
werden, der vegetarische Landmann habe eine konzentrierte Eiweißnahrung nicht
zur Verfügung, und überfüttere sich darum mit Kartoffeln und anderen eiweißarmen
Vegetabilien so lange, bis sein absolutes Eiweißminimum gedeckt sei. Diese Interpreten
tragen zwar dem Umstande Rechnung, daß der Landmann viel ißt; aber es
leuchtet doch wenig ein, daß eine Ueberladung des Körpers mit überschüssigen
Nährstoffen besonders leistungsfähige Arbeiter erzeuge. Diese Deutung ist denn auch
heute aufgegeben s ).
5. Eine richtigere Deutung konnte erst gelingen, als auf der Basis von Voits
und Pettenkofers Versuchen aus den 60er Jahren der Irrtum Liebigs völlig überwunden
war 6 ), Muskelarbeit verbrauche im wesentlichen Eiweiß, Avährend Fette und
Kohlehydrate der Wärmeerzeugung dienen. Auf der Grundlage der neuen Erkenntnis,
daß Muskelarbeit (ebenso wie Erzeugung der Körperwärme) im wesentlichen
7 ) nur Kohlehydrate oder Fette verbrauche, formulieren einzelne moderne
Physiologen wie R u b n e r und Cohnheim jetzt mit aller wünschenswerten Schärfe
den Sachverhalt dahin: Muskelarbeit sei in der Stadt in der großen Mehrzahl der
Fälle relativ leicht und werde im Zeitalter unbelebter motorischer Kräfte immer
leichter; der moderne Industriearbeiter brauche daher zu seiner Ernährung immer
weniger Kohlehydrate und Fette, aber nicht weniger Eiweiß; indem er das Quantum
seiner Nahrung wesentlich zu reduzieren gezwungen sei, könne er seinen Eiweißbedarf
mit den eiweißarmen Vegetabilien der ländlichen Kost nicht mehr decken,
sondern müsse teuere Nahrungsmittel wie Fleisch und Eier hinzunehmen, die bei
geringem Nährwert viel Eiweiß bieten. So sei die gemischte Kost für den Industriearbeiter
und vollends für den geistigen Arbeiter bei Muskelruhe ein Naturgebot,
und kein Fortschritt gegenüber der Ernährung des Landmanns.
Rubner fügt 1913 8 ) hinzu, daß die muskelschwache Betätigung des städtix
) Osawa, Zur Geschichte der Anatomie in Japan. Anatomischer Anzeiger, 27. Januar
1896.
2 ) Rubner (1903), S. 462. Ausführlicher in früheren Auflagen.
3 ) Berichte über Handel und Industrie, zusammengestellt im Reichsamt
des Innern, II 21, S. 675. Nach Schumacher (Handels- und Machtpolitik, herausgegeben
von Schmoller, Sering, Wagner, 1900, II 219) degeneriert der japanische Arbeiter
in der Fabrik.
*) Mitteilung des Herrn Prof. Cohnheim (1912). Vgl. S. 284—85 seines Werks.
6 ) Rubner 1913, S. 35.
•) Näheres z. B. bei Hüppe, Handbuch der Hygiene, 1899, S. 226 f.
7 ) Ueber den Eiweißverbrauch durch Muskelarbeit vgl. z. B. Rubner 1908, S. 25,
35, 36.
8 ) S. 55 f.