Full text: Das Ich und der Staat

II. Das Jch in staatlicher Erziehung 
Die Rolle, die die Philosophie, die Wissenschaft von den Voraus- 
setzungen aller Wissenschaft, im deutschen Schulbetrieb bisher ge- 
spielt hat, ist einfach zum Erbarmen. Eine einzige kümmerliche 
Stunde auf der Oberstufe haben die Richtlinien des preußischen 
Kultusministeriums für dies Lehrfach vorgesehen, nach dem der 
Hunger des lernenden Ichs auf dieser Stufe durchschnittlich stärker 
sein wird als nach jedem andern! Aber freilich, unser ganzen 
Schulbetrieb, mit seinem Bestreben, den Lehrstoff hübsch ordentlich 
in getrennten Schubfächern unterzubringen, wie der Apotheker die 
trockenen Kräuter, damit jedes für sich bei Bedarf „ggreifbar‘“ da- 
liege ~ was hat der mit Philosophie zu tun, mit der Königin der 
Wissenschaften, die das Getrennte zusammenfassen sollte zur Ein- 
heit der Weltanschauung? Und bänglicher noch als bei anderer 
Gelegenheit erhebt sich hier die Frage: wo ist das Lehrermaterial, 
das Philosophie im Stile der Alten als „Weltweisheit“’ abhandeln 
könnte? Wo soll es herkommen, heute, wo jeder Ordinarius für 
Philosophie sich wieder verpflichtet fühlt, die Welt vor allen Dingen 
mit einem „System'“ zu beglücken? Weltweisheit, die dem Ich 
etwas mitgibt, was vorhalten soll für's Leben, wird nicht unter 
der Glühbirne am Schreibtisch erzeugt und träuft nicht von Ka- 
thedern herab,. vor denen sorgenvolle Eramenskandidaten des Nach- 
schreibens sich befleißigen, als diktiert ihnen ,der heilig Geist““. 
U 
Das ist der Fluch, der über unserm Schulbetrieb hängt: er muß 
bürokratisiert werden, um auf Massenbetrieb eingestellt werden zu 
können. Wenn aber das Mindestmaß von Freiheit hineinkommen 
soll, ohne das kein Ich zum tauglichen, das ist zum selbständig 
denkenden und selbständig handelnden Staatsbürger erzogen werden 
kann, dann muß wenigstens das Ziel entsprechend hoch gesteckt und 
das Höchstmaß der Anforderungen ermittelt werden, das diesem 
Ziel entspricht. Dafür, daß das Ziel nicht erreicht, das Höchstmaß 
nicht erfüllt wird, wird die Praxis schon sorgen. Wie aber soll auch 
nur die Richtung auf das wünschenswerte Ziel innegehalten werden, 
wenn man sich scheut, es mit aller Schärfe und voller Klarheit auf- 
zuzeigen? 
Das Erbübel deutschen Volkstums ist der Partikularismus, ist 
die Neigung, sich in der großen deutschen Welt kleine Welten zu 
Z3§
	        
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