Full text : Lebenserinnerungen

Das  Erscheinen  dieses  Buches  (lyoi)  hat  meine  Stellung  zur
Umgebung  wesentlich  verändert  und  gehoben,  ich  durste  nun  zu  den
Herzen  und  gesinnungen  vieler  ernster  Menschen  sprechen,  und  die
Teilnahmlosigkeit  der  gelehrten  Kreise  konnte  mir  gleichgültig  fein.
Das  Buch  hat  von  Einfang  an  manche  warme,  fa  begeisterte
Treunde  gefunden.  Es  war  unter  anderen  der  graf  Kehna,  der
zeitweilig  zur  Kegierung  des  grostherzogkums  Baden  berufen
schien,  der  sich  sehr  warm  und  herzlich  über  den  Eindruck  äusterte,
den  fenes  Buch  auf  ihn  machte.  Wissenschaftlich  war  es  besonders
Professor  Uorsiröm  in  gothenburg,  der  in  der  dortigen  Handelszeitung ­
  mehrere  zusammenhängende  Elrtikel  über  das  Luch  schrieb
und  von  ihm  eine  eingreifende  Förderung  des  religiösen  Problems
erhoffte.*  Buch  das  erfuhr  ich,  dast  der  König  Oskar  sich  eingehend
mit  dem  Werk  und  überhaupt  mit  meinen  Bestrebungen  beschäftigte. ­

Eiuch  in  freieren  katholischen  Kreisen  fand  ich  viele  Sympathie.
Es  war  für  mich  ein  groster  gewinn,  in  Baron  Friedrich  von  Hügel
in  London  einen  dauernden  Treund  zu  finden.  Er  hat  mich  wiederholt ­
  in  Jena  besucht,  das  lebhafteste  Interesse  für  meine  Schriften
bewiesen  und  später  mir  und  den  Weinigen  eine  sehr  liebenswürdige ­
  Llufnahme  in  London  bereitet.  Hügel  wollte  bei  aller
Weite  und  Treiheit  feines  geistes  in  keiner  Weife  mit  der  katholischen ­
  Kirche  brechen,  aber  er  hatte  den  vollsten  Sinn  für  alles
Schaffende  und  Vertiefende,  meine  überkonfesfionelle  Behandlung
der  Keligion  war  ihm  durchaus  sympathisch.  Öhnlich  dachten
auch  andere  katholische  Kreise  in  Deutschland,  in  Trankreich,  in
Italien.
Diese  Bewegungen  und  Bestrebungen  überschritten  Deutschland,
aber  ich  must  anerkennen,  dast  ich  auch  hier  manche  Zeichen  der
Schätzung  fand.  So  habe  ich  im  Jahre  lyoo  die  Jahrhundertfeier ­
  für  die  Ienaische  Universität  gehalten  und  in  demselben
Jahre  auch  die  goetherede.  Es  ist  charakteristisch  für  den  verstorbenen ­
  grostherzog  Larl  Ellefander,  dast  er  den  besonderen
Wunsch  hatte,  die  goetherede  fenes  Jahres  möchte  von  einem  Mitglied ­
  derUniversitätIena  gehalten  werden;  so  wurdeich  dazuerkoren.
Wichtiger  war  für  mein  Leben  der  gewinn  eines  engen  Verhältnisses ­
  zu  dem  Volksschullehrerstande,  wie  es  sich  von  Jena  aus

*  Mit  Aorsiröm  bin  ich  bald  in  ein  sehr  herzliches  Freundschaftsverhältnis
gekommen,  das  bis  zu  seinem  Tode  ununterbrochen  fortbefiand.  Die  von  der
Deutsch-schwedischen  Bereinigung  seit  Juli  1920  herausgegebene  Bierteljahrsschrift
  „Oeutsch-Lchwedische  Blätter"  bringt  in  ihrem  zweiten  Heft  (Oktober  1920)
einen  gehaltvollen  Llussatz  des  Hauptmanns  Liljedahl  über  dieses  schöne  Freundschaftsverhältnis ­
  unter  der  Überschrift  „Aorsiröm  und  Lucken".
            
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