Full text : Lebenserinnerungen

von  meiner  Ltudienzeit  her  bin  ich  mit  einzelnen  hervorragenden ­
  Persönlichkeiten  Englands  in  Briefwechsel  geblieben.  Übersetzungen ­
  meiner  Bücher  ins  Englische  verstärkten  diese  Beziehungen.
Line  eigentliche  Linladung  erfolgte  zunächst  von  den  Unitariern.
Lchon  zweimal  und  vor  dem  Nobelpreis  hatten  diese  mich  freundlich ­
  aufgefordert,  die  Lssex  Hall  Leeture  zu  halten.  Ich  sollte  dort
aber  nach  dortiger  Litte  englisch  sprechen;  dazu  konnte  ich  mich
nicht  entschliesten,  obwohl  ich  des  Lnglischen  leidlich  mächtig  war.
1911  aber  erhielt  ich  eine  sehr  herzliche  Bitte,  meine  Vorträge  ruhig
in  deutscher  Lprache  zu  halten.  Ver  Vortrag  und  auch  eine  Kede
in  einer  englischen  Kirche  wurden  sehr  gut  besucht  und  freundlich ­
  aufgenommen,  auch  die  leitenden  Blätter,  wie  z.  B.  die
„Times",  brachten  eingehende  Berichte  darüber*.  Quch  die  daran
sich  schliestenden  Tage  in  London  und  Oxford  waren  genustreich
und  anregend.  Wir  genossen  dort  durchgängig  die  liebenswürdigste ­
  Gastfreundschaft.  Ls  war  charakteristisch,  dast  der  Lordmapor
  von  London  im  Rückblick  auf  das  vergangene  Jahr  den

neigt  er  stark  zu  einer  Überschätzung  bloger  Fachgelehrsamkeit;  so  kann  ihm  das
Wissen  tatlos  über  Sen  Wassern  schweben  und  den  Weg  zur  Lebenserhöhung
nicht  finden;  dazu  kommt  bei  jener  intellektualistischen  Llrt  leicht  ein  Eigensinn
der  Individuen,  die  vor  allem  darauf  bedacht  sind,  etwas  Besonderes  zu  sein
und  als  etwas  Besonderes  zu  gelten,  eine  Llbncigung,  sich  gemeinsamen  Zwecken
zu  fügen.
Die  Stärke  des  Engländers  dagegen  liegt  in  der  gestaltung  des  praktischen
Lebens,  in  dem  offenen  Sinn  für  die  Eindrücke  der  Erfahrung,  in  dem  geschieh
die  jeweilige  Lage  zu  erfaffen  und  zu  verwerten,  besonders  aber  in  dem  llufbau
des  gesellschaftlichen  Lebens,  deffen  wiffenfchastliches  Durchdringen  unmittelbar
in  fruchtbare  Tätigkeit  übergeht,  Lluf  diesem  Boden  vermögen  die  Individuen
sich  in  Freiheit  zusammenzufinden  und  die  individuelle  veigung  gemeinsamen
Zwecken  unterzuordnen;  solche  Bereinigung  erzeugt  weit  mehr  Kraft  in  der  sichtbaren ­
  Welt  und  Sicherheit,  sie  zu  beherrschen.  Liber  auch  diese  Llrt  hat  ihre
gefahren:  Iener  Zusammenschlug  kann  leicht  der  vollen  Entwicklung  der  individuellen ­
  Llrt  schaden  und  gleichförmigkeit  erzeugen;  auch  wird  hier  nicht
genügend  gewürdigt,  dag  das  Weltproblem  nicht  erst  nachträglich  zum  Leben
hinzukommt,  sondern  dag  es  von  vornherein  zu  ihm  gehört  und  seinen  geistigen
Lharakler  bilden  hilft.  Die  volle  Ursprünglichkeit  und  die  Weile  des  geisieslebens
kann  durch  jene  Sorge  um  den  Stand  der  gefellschast  Schaden  leiden,  und  es
läge  ein  verfallen  in  den  Utilitarismus  nahe,  wenn  nicht  eine  starke,  auch  in
der  sozialen  Ordnung  fest  verankerte  religiöse  Überzeugung  dem  widerstände
und  dem  Leben  und  Streben  der  geseilschaft  den  Hintergrund  einer  ewigen  und
selbstwertigen  Ordnung  gäbe.  —  Diese  gegensätze  sind  im  Kriege  noch  stärker
hervorgetreten.
*  Einen  eingehenden  Bericht  über  mein  Lluflreten  in  London  brachte  die
Christian  World  vom  8.  Iuni  1911;  die  „christliche  Welk"  vom  xi.  Ianuar  1912
hat  die  grundgedanken  ins  Deutsche  übertragen  unter  dem  Titel  „Lücken  in
England".
            
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