Full text: Wesen und Weg der Sozialisierung

E he ich meine Ausführungen beginne, möchte ich meinem Freude 
über die an mich ergangene Einladung, vor Ihnen über Sozialisierung 
zu sprechen, Ausdruck geben. Eine Reihe von wirtschaftsgeschicht 
lichen und wirtschaftstheoretischen Umständen, die ich seit langem be 
obachtete und untersuchte, machten es mir bereits vor dem Weltkrieg 
wahrscheinlich, daß wir einer zentral verwalteten Wirtschaft 
mit natural wirtschaftlichem Einschlag entgegengingen, 
deren Kommen durch einen Jahre dauernden Weltkrieg ungemein be 
schleunigt werden würde. Da die Mehrzahl meiner Voraussagen über 
die Struktur und das Wesen einer solchen Kriegswirtschaft eingetrof 
fen ist, glaube ich heute mit um so größerer Berechtigung Möglich 
keiten der nächsten Zukunft erörtern zu dürfen. 
Ich fasse meinen Vortrag als ein gesellschaftstechni 
sches Gut sichten darüber auf, wie man gewisse gesellschaftliche 
Konstruktionen durchführen kann und welche Eigenschaften sie auf- 
weisen. Vor allem werde ich daher zu zeigen suchen, wie bestimmte 
Maßnahmen unsere Wohnung, Nahrung, Kleidung, Arbeitszeit, kurz 
unsere Lebenslage beeinflussen. Welche Machtmittel den Erfolg 
dieser Maßnahmen sichern, welche Machtverteilung sie zur Folge 
haben, bleibe dagegen ununtersucht; in diesem Sinne sind die folgen 
den Darlegungen unpolitisch. 
Die großen Umwälzungen unserer Tage zielen offensichtlich auf 
eine einheitliche Regelung der Wirtschaft und eine Umgestaltung der 
Einkommensverteilung ab. Der Entschluß zur „Sozialisierung“ ist 
einerseits durch die Unwirtschaftlichkeit der überlieferten Ordnung 
mit ihren Krisen, ihrer zeitweiligen Massenarbeitslosigkeit und ihren 
Depressionen bedingt, die vor allem auf die „Anarchie und Regellosig 
keit des Marktes und der Produktion“ zurückzuführen sind, anderer 
seits durch die unbegründete und nicht begründbare Verteilung der 
Einkommen, Eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel würde die 
überlieferte Unwirtschaftlichkeit ebenso wie die überlieferte Einkom 
mens- und Lebenslagenverteilung beseitigen. Eine Wirtschaft sozia 
lisieren heißt, sie einer planmäßigen Verwaltung zu Gun 
sten der Gesellschaft durch die Gesellschaft zuführen.
	        
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