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Weltanschauung.
anderer Neuerungen in dem Bereiche ihrer Kunstmittel dahin,
daß ihre Sprache selbst schon, ganz abgesehen von dem Inhalt
dessen, was sie ausspricht, eine Sprache der Schwebungen und
Spannungsgefühle ist; in der bildenden Kunst thun die unver—
mittelten Farbenzusammensetzungen des Impressionismus dieselbe
Wirkung; in der Dichtung wird diese ebenso durch eine grund—
sätzlich impressionistische wie durch eine symbolistische Sprache
erreicht. Und in den Künsten, die einen unmittelbaren Zu—
sammenhang ihres Schaffens mit der Natur aufweisen, indem
sie deren Bildungen oder wenigstens die Analogien dieser Bil—
dungen nachschaffen, in der bildenden Kunst vor allem, aber auch
in der Dichtung und hier wieder vornehmlich im Drama, wird
dasselbe Ergebnis auch schon dadurch hervorgerufen, daß die
Natur nur eben in ihrer intensivsten Gestalt wiedergegeben wird:
denn diese Eindrücke intensivster Gestalt im Aufgehen der Ge—
sichtseindrücke in Farbenmomente, der Handlungswahrnehmungen
in Handlungsmomente sind fast nur noch nervöse Reizvorgänge
ohne eindeutigen Vorstellungsinhalt, und bewirken darum Span—
nungsgefühle und deren Summation, die Schwebung. Und indem
so alle Darstellungsmittel der modernen Kunst auf die Nerven,
und auf die Nerven fast allein hinweisen, führen sie zum ersten
Male grundsätzlich und ausgedehnt in das Gebiet der Phantasie—
thätigkeit jene merkwürdigen Erscheinungen ein, die zuerst unter
dem Namen der audition colorée bekannt wurden: die gegen—
seitige Vertretung der spezifischen Sinneswerkzeuge, das Prickeln
auf der Haut beim Anhören von Tönen, die Tonassociation bei
Aufnahme von Farben, kurz die ungewöhnliche Erregung der
Sinne bei nicht für sie spezifischen Sinnesreizen. Es ist eine
Kunst, der das Seelenleben nur aus Aktualitäten zu bestehen
scheint: diese, die ohne Unterlaß aufeinander folgenden Sensa—
tionen, die Webungen, Wallungen, Spannungen, Schwebungen,
die kleinsten noch eben erkennbaren und jetzt erst völlig auf—
gedeckten Momente der psychologischen Kontinuität sind das
Material ihrer Formgebung. Daher die Wiedergabe der Er—
scheinungswelt im Flimmer der Impressionen, mag es sich um
Bildnerei oder Malerei, um Erzählungskunst oder Drama handeln.